Solarbranche steht vor Zäsur

25. Juni 2010 | Karl-Heinz Remmers

Die Fachmesse Intersolar Europe 2010 ist vorbei und hat sowohl bei den Besucher- als auch bei den Ausstellerzahlen neue Rekorde aufgestellt. Der Markt für Photovoltaik boomt, während der Solarthermiemarkt aufgrund einer Haushaltssperre für das Marktanreizprogramm (MAP) eingebrochen ist. Nun lassen Signale aus der Regierung immerhin hoffen, dass das MAP ab Juli wieder aufgenommen wird. Längst überfällig ist es aber, für den Bereich der erneuerbaren Wärme endlich ein langfristig zuverlässiges Instrumentarium zur Technologieein- führung zu schaffen. Es wird Zeit, ein EEG für Wärme zu fordern, das auf einer Umlage im Bereich von Öl und Gas basiert. Spätestens mit der Abwahl der jetzigen Regierung werden sich hierfür echte Chancen ergeben, deshalb sollte die Branche jetzt fundierte, klare Vorschläge vorbereiten.

Während in diesem Bereich auf einen Einbruch neue Chancen und Hoffnungen folgen, so dürfte bei der Photovoltaik bald der Kater nach der Party anstehen. Am 01.07.2010 wird das EEG in einer noch nie dar gewesenen Form geändert, mit Abschlägen bis zu 16 Prozent werden alle bisherigen jährlichen Abschläge deutlich übertroffen. Aufgrund der politisch erzeugten Torschlusspanik erscheint der Markt total überhitzt, Preise sind gestiegen und Teile des Marktes leergekauft. Auf der Messe vermeldeten die Hersteller (fast) unisono volle Auftragsbücher, und so wurden die Kunden meist ohne neue Ware nach Hause geschickt.

Aus meiner Sicht eine trügerische Sicherheit für die Zeit nach dem 01.07.2010, die mich an die Situation im September 2008 in Spanien erinnert. Die spanische Regierung hatte für den 30.09.2008 eine drastische Einschränkung der Solarförderung verkündet. Eigentlich war klar, dass es danach keinen großen spanischen Markt mehr geben würde. Dennoch feierte die Branche auf der Konferenz und Messe pvsec in Valencia noch mitten im September eine große Party. Alle Hersteller berichteten über volle Auftragsbücher auch für die Zukunft. Ich habe damals einen verwunderten Kommentar geschrieben. Mein Gefühl verriet mir, dass das gegenseitige Belügen das absolute Maximum erreicht hatte und dass es so nicht weitergehen konnte. Dennoch war ich mir unsicher, ob es wirklich einen Crash geben würde, schließlich waren ja (fast) alle der Meinung, der Boom ginge munter weiter. Was danach folgte, ist bekannt - alle Verträge platzten, die Preise gingen auf Talfahrt, einige Unternehmen überlebten den Abschwung nicht oder nur sehr schwer angeschlagen.

Nun stehen wir vor einer neuen Zäsur. Neben Deutschland wird auch die Tschechische Republik ihre Förderung deutlich verändern. Zugleich entwickelt sich in der Finanzwelt ein deutlicher Trend zu mehr Risikovorsorge in der Projektkalkulation. So werden die Kunden in gleich zwei wichtigen Märkten zumindest überlegen, ob sie noch eine Anlage kaufen oder lieber erst einmal abwarten. Zudem haben auch diesmal wieder viele Handwerker und Solarhandwerker (die ja teilweise auch als Händler arbeiten) mehrfach bestellt, weil sie nicht vollständig beliefert wurden. Nachdem in den letzten Monaten Hersteller die Verträge nach Belieben geändert oder schlicht nicht eingehalten haben, agieren auch Handel und Handwerk in gleicher Form. Banken sehen, dass der Markt sich abkühlen wird. Sie berichten von deutlich sinkenden Anfragen für Kredite ab Juli. Vor allem bei den Großanlagen ist die Finanzierungsnachfrage in manchen Bereichen auf nahezu Null gesunken.

Wie groß das Ausmaß der „Überbestellungen“ und des „Pokerns“ ist, werden wir im dritten Quartal 2010 sehen, und erneut nach der nächsten Absenkung der EEG-Vergütungen zum 01.01.2011. Dann wird sich zeigen, wie die Lieferbeziehungen in der Branche zu bewerten sind. Die weitere Entwicklung wird ganz davon abhängen, ob sich Investoren gleich welcher Art mit den daraufhin deutlich geringeren Renditen begnügen, oder ob der Markt schlicht solange aussetzt bis sich durch sinkende Anlagenpreise ein neues Gleichgewicht einstellt.

Um nicht in zwei Jahren wieder ähnliche Kommentare schreiben zu müssen, wünsche ich mir für unsere Branche, dass die Professionalisierung bis dahin weiter fortschreitet. Das betrifft vor allem die Liefer- beziehungen. Es kann nicht die eine und dann wieder die andere Seite mit den zum Teil millionenschweren Vereinbarungen umgehen, als handle es sich um Einladungen zum Kaffeetrinken - hat man keine Lust, geht man einfach nicht hin. Nach der Industrialisierung und den großartigen Produktinnovationen der letzten Jahre, wird uns das aber sicherlich auch gelingen.

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bernd broz aus hannover | http://www.tagesschau.de

Sonntag, 30.10.2011 19:35

schöner Blogpost ARD Tagesschau Nachrichten

Alle Kommentare
Kommentare 1 - 2 von 2

bernd broz aus hannover | http://www.tagesschau.de

Sonntag, 30.10.2011 19:35

schöner Blogpost
ARD Tagesschau Nachrichten

Rüdiger Mühlhausen | http://www.apel-hoyer.de

Dienstag, 20.07.2010 16:54

Ich bin leider erst jetzt auf diesen Blog gestoßen, aber Herr Remmers spricht mir aus der Seele. Ich habe den gleichen Eindruck von der Intersolar mitgenommen. Die Hersteller sprachen in der Regel nur darüber, dass Sie leider gar nicht mit dem Liefern nachkommen. Allerdings schien mir der Optimismus eher etwas vordergründig zur Schau getragen. Bei Gesprächen hinter verschlossenen Türen wurde dann schon nachgefragt, wie man sich in Zukunft positionieren soll, wie man die Markenführung angehen und verbessern und welche Maßnahmen bei Vertrieb und Marketing wohl erfolgversprechend sind. Inzwischen gibt es aus einigen Unternehmen auch erste Stimmen, die sagen, dass es nach der Intersolar schlagartig ruhig geworden ist. Es wird auf jeden interessant zu sehen, welche Wege die Unternehmen einschlagen werden und wer so gut positioniert ist, um auch in Zukunft erfolgreich zu bleiben.
Rüdiger Mühlhausen
Geschäftsführer Apel + Hoyer GmbH & Co KG

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