photovoltaik Ausgabe: 11-2013

Noch mehr Kohle für die Kohle

Hannelore Kraft in der Leitwarte des Übertragungsnetzbetreibers Amprion in Brauweiler bei Köln: Die SPD-Ministerpräsidentin von NRW verhandelt derzeit mit Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) über die Eckpunkte der Energiewende im neuen Koalition

Hannelore Kraft in der Leitwarte des Übertragungsnetzbetreibers Amprion in Brauweiler bei Köln: Die SPD-Ministerpräsidentin von NRW verhandelt derzeit mit Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) über die Eckpunkte der Energiewende im neuen Koalitionsvertrag.

Strompreise  —  Niemand hat behauptet, dass die Energiewende kostenlos zu haben ist. Doch die Strompreise steigen, nicht wegen, sondern trotz der erneuerbaren Energien. Der Zubau von Anlagen kann Kosten vermeiden: bei Großkraftwerken und beim Umbau der Netze.  Niels Hendrik Petersen und Sven Ullrich

Inhaltsübersicht

  1. Noch mehr Kohle für die Kohle
  2. Energiemix
  3. Themendossier

N ach der Wahl ist vor der Reform. Zumindest für den künftigen Umweltminister trifft das zu. Er hat die dringende Aufgabe, dem steilen Anstieg der Strompreise endlich Einhalt zu gebieten. „In den kommenden vier Jahren fällt die Entscheidung, wie die Energieversorgung in Deutschland erneuert wird: Zentral, mit neuen Kohlekraftwerken oder dezentral mit erneuerbaren Energien“, erläutert Udo Mörstedt. Er ist Vorstandsvorsitzender des Projektentwicklers IBC Solar in Bad Staffelstein.

Mörstedt bringt es auf den Punkt: Die Reform wird nur gelingen, wenn die neue Regierung endlich beginnt, die Pfründe der fossil-atomaren Energiewirtschaft anzutasten. Die zum Jahreswechsel nochmals steigende EEG-Umlage erhöht den Reformdruck weiter. Dieser Anstieg wird den erneuerbaren Energien angelastet. Doch das ist eine handfeste Lüge. Denn die EEG-Umlage steigt nicht durch den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien, wie das Internationale Wirtschaftsforum für Erneuerbare Energien (IWR) in Münster berechnet hat.

Der eigentliche Grund für den Anstieg, sowohl der Strompreise als auch der EEG-Umlage, ist das derzeitige Strommarktdesign, das auf eine zentrale Stromversorgung ausgelegt ist. Ökostrom wird an der Börse verramscht. An sonnenreichen oder windigen Tagen wird so viel Strom aus regenerativen Quellen eingespeist, dass die Preise in den Keller rutschen.

Bei der Berechnung der EEG-Umlage gehen die Übertragungsnetzbetreiber davon aus, dass die Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien im nächsten Jahr insgesamt gut 149 Terawattstunden Strom produzieren. Davon vermarkten sie fast 54 Terawattstunden. Dafür erzielen sie insgesamt gut 2,19 Milliarden Euro. Das bedeutet, dass der regenerativ erzeugte Strom durchschnittlich für gut vier Eurocent pro Kilowattstunde an der Börse verkauft wird – zum größten Teil am Spotmarkt, wo die Preise in der Regel höher sind als am Terminmarkt. Das schlägt auf die Strombörse durch. Dort sank der Preis für die ersten neun Monate (2013) um zwölf Prozent im Vergleich zu 2012. Laut Angaben des IWR lag der mittlere Börsenpreis für Grundlaststrom bei nur 3,79 Cent pro Kilowattstunde. Gegenüber 2011 fällt die Entlastung für die Unternehmen, die ihren Strom an der Börse einkaufen, mit 26,4 Prozent noch deutlicher aus.

Das eigentliche Paradoxon

Das eigentliche Paradoxon ist, dass für private und mittelständische Verbraucher die Strompreise trotz der sinkenden Beschaffungskosten weiter steigen. Der Grund für diese Fehlentwicklung ist zum einen, dass die Versorger ihre Vorteile an der Strombörse nicht an den Kunden weitergeben. Sie berechnen in der Regel inklusive Vermarktungskosten und Gewinne dem Endkunden nahezu die doppelten Beschaffungskosten. Zum anderen ist diese Entwicklung auf einen Konstruktionsfehler im EEG-Vermarktungsmechanismus zurückzuführen. „Er führt dazu, dass die erneuerbaren Energien die Großhandelspreise immer weiter senken, die Verbraucher den steigenden Vorteil für die Großabnehmer aber über einen stetig höheren Strompreis bezahlen“, sagte Norbert Allnoch, Direktor des IWR. „Der derzeit planwirtschaftlich ausgerichtete Wälzungsmechanismus für den EEG-Ökostrom ist Dreh- und Angelpunkt für zahlreiche Probleme auf dem Strommarkt.“ Das betrifft nicht nur die EEG-Umlage selbst, sondern auch die durchlaufenden Kohlekraftwerke.

Schließlich ist der niedrige oder sogar negative Börsenpreis ein deutliches Signal mangelnder Flexibilität im Erzeugungspark konventioneller Kraftwerke, betonen die Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE in Freiburg. Sie haben in ihrer aktuellen Studie „Kohleverstromung zu Zeiten niedriger Börsenstrompreise“ festgestellt, dass die auf hohe Volllaststunden ausgelegten Braunkohle- und Atomkraftwerke für die Grundlast zur Flankierung der Energiewende ungeeignet sind. Steinkohlekraftwerke wiesen zwar eine etwas höhere Flexibilität auf, sind als Mittellastkraftwerke aber auf eine erhebliche Laufzeit angewiesen. Aufgrund ihrer langen Anfahrzeiten können sie bei kurzzeitiger Überschussproduktion nicht abgeschaltet werden, argumentieren die Wissenschaftler. „Zu Zeiten hoher Solareinspeisung in den Mittagsstunden laufen Steinkohlekraftwerke meist unvermindert durch, was sich in erhöhtem Stromexport zu diesen Stunden niederschlägt.“

Kraftwerke nur träge regelbar

Während Steinkohle- und Gaskraftwerke weniger als zehn Prozent der in Deutschland installierten Nettoleistung runterfahren, laufen Braunkohlekraftwerke mit einer Auslastung von bis zu 83 Prozent und Atomkraftwerke mit 96 Prozent weiter. Bei negativen Strompreisen fahren die Braunkohlemeiler nicht unter 42 Prozent der installierten Kraftwerksleistung runter, bei Atommeilern ist es sogar nur knapp die Hälfte der Leistung. Hinzu kommt: Da auch Kraftwerke zu Revisionszwecken komplett außer Betrieb sind, liegen die tatsächlichen Auslastungen einzelner Kraftwerke sogar noch höher. Gaskraftwerke sind dagegen aufgrund hoher Flexibilität und kurzer Anfahrzeit ideal zur Ergänzung der Ökostromanlagen. Aufgrund ihrer hohen Betriebskosten (Grenzkosten) und wegen des geringen Preises für Kohlendioxid-Emissionsrechte von 3,65 Euro pro Tonne kommen die Gaskraftwerke nicht zum Zuge. Die Kohle- und Atommeiler drängen sie aus dem Markt. Sie sorgen außerdem für ein drastisches Überangebot am Spotmarkt, wenn vor allem die volatilen Erneuerbaren ins Netz drücken.

Segen und Fluch

Was für die energieintensiven Unternehmen, die ihren Strom direkt an der Börse kaufen, ein Segen ist, wird für die privaten und mittelständischen Endkunden zum Fluch. Denn der Fehler im Wälzungsmechanismus sorgt dafür, dass die Erlöse sinken, die die Netzbetreiber aus dem Verkauf von Ökostrom an der Börse erzielen. Da die Endkunden die Differenz zwischen Verkaufspreise und Einspeisevergütung über die EEG-Umlage bezahlen, steigt diese, je weiter die Preise an der Strombörse fallen.

Inzwischen machen sinkende Börsenstrompreise den größten Anteil der EEG-Erhöhung aus. Von den 0,96 Cent Mehrkosten entfallen nach Berechnungen des Öko-Instituts 0,36 Cent auf die sinkenden Börsenpreise und die damit sinkenden Erlöse, die die Übertragungsnetzbetreiber aus dem Verkauf regenerativen Stroms an der Börse erzielen. Auf den Zubau der Erneuerbaren entfallen 0,44 Cent pro Kilowattstunde – davon alleine 0,19 Cent auf die Förderung der Offshore-Windenergie. Weitere 0,14 Cent entfallen auf die Ausweitung der Privilegien für energieintensive Unternehmen. Die Bundesregierung hat sich offensichtlich verrechnet, als sie davon ausging, die Erweiterung der Ausnahmeregelung würde sich maximal mit zusätzlichen 0,1 Cent pro Kilowattstunde auf die EEG-Umlage niederschlagen.

Ein Viertel des Marktes zahlt nicht

In ihrer Berechnung der EEG-Umlage gehen die Übertragungsnetzbetreiber davon aus, dass die privilegierten Großverbraucher im nächsten Jahr gut 106,5 Terawattstunden verbrauchen. Das ist immerhin ein Viertel des prognostizierten deutschen Gesamtverbrauchs von etwa 477 Terawattstunden. Die Auswirkungen auf die EEG-Umlage sind erheblich. Würden auch die großen Industrieunternehmen an den Kosten der Energiewende beteiligt, läge die EEG-Umlage bei 4,95 Cent pro Kilowattstunde. Damit subventionieren die privaten und mittelständischen Endkunden den Stromverbrauch der Großkunden über eine um 26 Prozent höhere EEG-Umlage.

Das Argument, die energieintensiven Unternehmen stünden im internationalen Wettbewerb und würden durch hohe Strompreise Nachteile erleiden, ist kaum haltbar. Denn diese Unternehmen kaufen ihren Strom nicht vom Energielieferanten, sondern direkt an der Börse. Sie profitieren damit ohnehin schon von den drastisch gesunkenen Börsenstrompreisen, sodass eine Befreiung bei der EEG-Umlage gar nicht nötig ist. Zudem hätten diese Unternehmen dann einen stärkeren Anreiz, Maßnahmen zur Energieeffizienz schneller umzusetzen. Was wiederum ein Wettbewerbsvorteil wäre.

Die neue Regierung müsse nun für den nötigen Transformationsprozess sorgen: weg von Atom und Kohle, hin zu einer regenerativen Stromversorgung, fordert IBC-Chef Mörstedt. Unrentable Großkraftwerke dürften nicht länger bevorzugt werden.

Ob die neue Regierung das schafft, bleibt jedoch fraglich. Die Zeichen stehen auf Große Koalition. „Da treffen sich einige rote Kohlebefürworter mit schwarzen Masterplanern“, erklärt Hermann Falk, Geschäftsführer des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE). „Beide Parteien haben noch nicht gezeigt, dass sie das große Engagement der Bürger für Klimaschutz und Erneuerbare ernst nehmen und umsetzen wollen, für eine zukunftsweisende Wirtschafts- und Umweltpolitik.“ Falk befürchtet, dass eine Große Koalition eine Stagnation bei der Energiewende bedeutet.

Ausbaurestriktionen abschaffen

Ursprünglich war die Finanzierung der Energiewende anders angelegt. Einer der Staatssekretäre, die seinerzeit im Bundesumweltministerium am EEG mitgearbeitet haben, ist Rainer Baake. Der Volkswirt ist inzwischen Geschäftsführer des Politiklabors Agora Energiewende in Berlin. Die Fachleute für Energiepolitik haben unter dem Titel „Ein radikal vereinfachtes EEG 2.0 und ein umfassender Marktdesign-Prozess“ einen weitreichenden Vorschlag zur Reform des EEG unterbreitet. Zentraler Punkt ist die Abschaffung der Ausbaurestriktionen für Photovoltaikanlagen. Agora fordert die Beseitigung des Zubaudeckels für Solarstromanlagen von 52 Gigawatt, den die Bundesregierung im vergangenen Jahr eingeführt hat. Außerdem sollen die Beschränkungen für den Bau von Freiflächenanlagen entfallen. „Wo Photovoltaikfreiflächenanlagen errichtet werden dürfen, sollten die Gemeinden im Rahmen ihrer Bauleitplanung entscheiden – und nicht wie bisher auf wenige Gebiete entlang von Autobahnen und Schienenwegen beschränkt“, so die Berliner. „Freiflächensolarparks können aufgrund von gesetzlich getriebenen Größenbeschränkungen, Flächenrestriktionen und eines Zubaudeckels nicht mehr wirtschaftlich in Deutschland gebaut werden“, mahnt Bernhard Beck, Geschäftsführer des Solarkraftwerksbauers Belectric. Künftig bräuchten die Kraftwerke eine eigene Vergütungsstruktur, die unabhängig sei vom Zubau der Solardachanlagen, sagt Beck. „Ansonsten verlieren wir in Deutschland den Industriezweig der Solarkraftwerke.“

Die Berater von Prognos haben im Auftrag von Belectric herausgefunden, dass die Solarparks im süddeutschen Raum die günstigste Ökostromquelle sind, noch vor Windenergie. „2015 werden Freiflächensolarkraftwerke bezogen auf die reinen Stromgestehungskosten auf 40 Jahre gerechnet mit 7,5 Cent pro Kilowattstunde sogar günstiger sein als Steinkohle- und Erdgasstromerzeugung“, erklärt Frank Peter, Projektleiter Energiewirtschaft bei Prognos. Ein Zubau könne die Kosten der Energiewende und somit auch die EEG-Umlage um mehr als zehn Prozent senken.

Gleichzeitig schlägt Agora vor, ab 2015 die Vergütungszahlungen für Ökostrom auf 8,9 Cent pro Kilowattstunde zu begrenzen. Betreiber von Anlagen mit einer Leistung von mehr als einem Megawatt sollen gar keine Einspeisevergütung mehr bekommen, sondern ihren Strom an der Börse direkt vermarkten. Gleichzeitig soll sich die Industrie stärker an der Finanzierung der Energiewende beteiligen.

Literatur

Fussnoten

  • Streitthema Netzausbau: Die Übertragungsnetzbetreiber planen großzügig, um die Offshore-Windenergie künftig gen Süden zu transportieren. Die Bundesnetzagentur hielt den größten Teil der geplanten Trassen für unnötig.

  • Die Schere zwischen dem historisch niedrigen Börsenstrompreis und der EEG-Vergütung geht derzeit immer weiter auseinander. Das erhöht die Kosten für alle privaten und mittelständischen Verbraucher.

Foto: Amprion

Grafik: Agora Energiewende, Öko-Institut

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