photovoltaik Ausgabe: 08-2014

Bunker zu Solaranlagen


Bis vor wenigen Jahren lagerte in den Bunkern Munition unter anderem aus den Beständen der NVA. Jetzt dienen sie als Aufständerung für die Solarmodule.

Bis vor wenigen Jahren lagerte in den Bunkern Munition unter anderem aus den Beständen der NVA. Jetzt dienen sie als Aufständerung für die Solarmodule.

Energiekommunen — Ein kleiner Ort im Münsterland hat seine Energiewende selbst in die Hand genommen. Ein komplettes Versorgungskonzept ist entwickelt. Es droht jedoch auf halber Strecke zu stocken, weil die Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen. Sven Ullrich

Inhaltsübersicht

  1. Bunker zu Solaranlagen
  2. Agentur für Erneuerbare Energien

Der 6. Oktober 2010 war ein trüber Herbsttag. Für das Munitionshauptdepot in Saerbeck war es der letzte. Die Bundeswehr holte zum letzten Mal die Dienstflagge ein. Für die kleine Gemeinde Saerbeck im Münsterland auf halber Strecke zwischen Osnabrück und Münster begann aber eine neue Zukunft. Schon an diesem für Saerbeck denkwürdigen Tag hatten die Bürger die Weichen für ihre zukünftige Energieversorgung gestellt. Die Pläne lagen schon vor, als auf dem Gelände etwa zwei Kilometer nordwestlich des Ortes noch Granaten aus ehemaligen NVA-Beständen und aus dem ersten Golfkrieg unschädlich gemacht und eingelagert wurden. Anfang 2011 rückten die ersten Bagger an, um eine Biogasanlage aufzubauen. Ende 2012 begann der Bau der Windkraftanlagen. Sieben von ihnen mit einer Gesamtleistung von 21 Megawatt stehen inzwischen am Rand des ehemaligen Munitionslagers.

Eine davon gehört Saerbeck. Damit ist der Ort im Emsland der erste und bisher einzige in Deutschland, der ein eigenes Windrad besitzt. Das Land Nordrhein-Westfalen hat dafür extra die Gemeindeordnung geändert. Eigentlich dürfen Gemeinden keine Gewinne aus solchen Anlagen erwirtschaften – eine Hürde für viele Energiekommunen. Vier weitere Windräder haben die Saerbecker Bürger teilweise mit der Unterstützung der örtlichen Volksbank selbst finanziert. Die restlichen beiden Windräder wurden von regionalen Investoren bezahlt. Fünf Millionen Euro hat jedes von ihnen gekostet.

Viel Eigenkapital aufgebracht

Im vergangenen Jahr rückten dann die Solarteure an. Sie installierten auf den Dächern der Bunker 24.000 Solarmodule. Sie leisten zusammen 5,74 Megawatt. Die Investitionssumme betrug satte 9,5 Millionen Euro. Davon haben die Saerbecker immerhin zwei Millionen Euro selbst aufgebracht.

Der gesamte Bioenergiepark hat etwa 50 Millionen Euro gekostet. Vier Millionen Eigenkapital haben die Saerbecker Bürger selbst in die Projekte gesteckt. In der Gemeinde haben sich 390 Bürger zu einer Genossenschaft zusammengefunden, die rund 3.500 Anteile gezeichnet hat. Im Durchschnitt hat jeder 9.000 Euro eingebracht. Das reichte nicht nur für die Solaranlagen auf den Schulen und Turnhallen im Ort, sondern auch für die 74 Munitionsbunker. Südlich vom eigentlichen Munitionsdepot stehen noch eine Biogas- und eine Bioabfallbehandlungsanlage mit jeweils einem Megawatt elektrischer und 1,7 Megawatt thermischer Leistung.

Ausbaumöglichkeiten nutzen

Jetzt ist der Bioenergiepark Saerbeck fertig. „Seit Ende 2013 hat er seine volle Funktion übernommen“, sagt Wilfried Roos. Seit 1999 ist er Bürgermeister von Saerbeck. Eines der Themen, mit denen er seine Bürger überzeugt hat, ist die Energiewende in der Kommune. Er hat auch das Engagement der Bürger selbst mit angestoßen. Das war nicht nur notwendig, sondern Teil des Gesamtkonzeptes. „Das gesamte Projekt war von Anfang an nicht nur als Investitionsobjekt für die Saerbecker Bürger gedacht“, erklärt Roos. „Wir wollen bis 2030 als Kommune eine ausgeglichene Energiebilanz haben. Das heißt, dass wir mindestens so viel Energie erzeugen, wie wir verbrauchen.“ Der Ort kann inzwischen seinen Strombedarf zu 375 Prozent selbst decken.

Das klingt nach zu viel, hat jedoch seinen Sinn. Die Saerbecker schauen über den Tellerrand. „Wir haben unser Soll längst erfüllt, aber darum geht es nicht“, betont Roos. „Wir sind der Auffassung, dass wenn wir die Ausbaumöglichkeiten haben, diese auch nutzen sollten. Es gibt immer Städte und Regionen bei uns, die solche Möglichkeiten nicht haben, sei es aus Platzgründen oder aus touristischen Erwägungen. Niemand will auf den Kammlagen des Teutoburger Waldes riesige Windräder bauen. Dafür bauen wir eben ein paar Anlagen mehr, um das auszugleichen.“ Deshalb planen die Saerbecker jetzt noch einmal sieben Windräder.

Das wird aber durch das neue EEG nicht mehr so einfach. „Wir haben jetzt mit den neuen Anlagen das erste Planungsjahr hinter uns“, sagt Roos. „Jetzt wird es äußerst schwierig zu sagen, wie die EEG-Rahmenbedingungen am Ende des Jahres 2015 oder 2016 aussehen, wenn die Windräder gebaut werden.“

Bürger brauchen Planungssicherheit

Das ist das, was die Bürger umtreibt. Sie brauchen Planungssicherheit. „Früher hatten wir verbindliche Rahmenbedingungen. In den letzten Jahren wurden diese derart oft geändert, dass selbst erfahrene Kommunen wie Saerbeck kaum noch durch den Dschungel finden“, wirft Roos den Gesetzgebern im fernen Berlin vor. „Jetzt brauchen wir inzwischen einen Fachanwalt für EEG-Recht, um einen Antrag zu stellen, damit wir eine Photovoltaikanlage planen können. Das hat Ausmaße angenommen, die nicht mehr akzeptabel sind.“

Die Planungssicherheit ist jetzt auch für weitere Photovoltaikanlagen nicht gegeben, die auf den Dächern der Häuser in der Gemeinde gebaut werden sollen. Schließlich gehören diese auch zum Gesamtkonzept. Zwar sind schon 438 Saerbecker Dächer mit Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von fast zehn Megawatt belegt. Doch ist das Potenzial noch nicht ausgeschöpft. Mit den neuen Regelungen wird der Bau nicht einfacher, vor allem weil das Vertrauen in die Politik geschwunden ist, dass sie den Bestandsschutz nicht antastet.

Für Saerbeck wird nicht nur ein Geschäftsmodell in Frage gestellt, sondern ein gesamtes Versorgungskonzept. Das geht davon aus, dass die Bürger selbst in die Anlagen investieren und damit nicht nur sich selbst, sondern auch die Region versorgen. Zum 1. Januar 2012 hat die Gemeinde vom Energieriesen RWE das Stromnetz gekauft. „Wir nutzen dieses Stromnetz, um den vor Ort erzeugten regenerativen Strom, den wir inzwischen im Überfluss haben, auch an die Endkunden zu liefern“, sagt Roos. „Das ist das große Ziel, und das ist es, was die Bürger wollen.“

Konzept in Frage gestellt

Bisher funktioniert das auch ganz gut. Doch mit den neuen Anlagen geht das nicht mehr. Schließlich muss Saerbeck den Strom aus solchen neuen Anlagen an der Strombörse als sogenannten Graustrom direkt vermarkten. Das passt gar nicht zum Konzept der kommunalen Energiewende, wie sie Saerbeck verfolgt. „Unsere Intention war von Anfang an, dass die Genossenschaft etwas produziert und die Genossen selbst daran teilhaben“, erklärt Wilfried Roos. „Im Sinne der Daseinsvorsorge halten wir das für sehr wichtig. Der Ursprungsgedanke, der Genossenschaftsgedanke, ist, eine Interessengemeinschaft zu gründen, um den Ertrag direkt den Genossen zukommen zu lassen. Die Bürger suchen mit ihren Investitionen kein Abschreibungsobjekt. Sie möchten am Ende eine schwarze Null in der Bilanz sehen.“

Mehrwert in der Region halten

Es ist für die Bürger wichtig, als Versorger den Mehrwert und die finanziellen Aufwendungen zum Erwerb der Energie vor Ort zu halten. Dazu müssen die Bedingungen in ein Gesamtkonzept passen, bei dem die lokale und regionale Direktvermarktung den Vorrang bekommt. „Dass man da eine kleine Gemeinde wie Saerbeck mit einem Riesen wie RWE gleichstellt, geht eigentlich gar nicht“, kritisiert Roos.

Berlin regiert gnadenlos an den Konzepten der Kommunen vorbei. Dabei haben die Saerbecker kein Problem mit der Direktvermarktung. Derzeit nutzen sie die Marktprämie und verkaufen den Strom aus dem Bioenergiepark an ein regionales Stadtwerk. Die dafür zusätzlich gezahlte Managementprämie bekommt zu einem Teil das Stadtwerk. Der Rest bleibt in Saerbeck und wird in weitere Anlagen gesteckt – unter anderem auch in die neuen Windenergieanlagen. Der Zwang zur Direktvermarktung an der Börse widerspricht jedoch dem eigentlichen Ansatz der Saerbecker, den Strom regional zu vermarkten und damit auch die gesamte Wertschöpfung in der Region zu halten. „Statt den Strom an der Börse zu verramschen, könnte mit dem Gesetz ganz bewusst die regionale Direktvermarktung gefördert werden“, schlägt Wilfried Roos vor. „Man könnte die Regelungen so gestalten, dass wir unseren Strom innerhalb eines bestimmten Radius weiterhin direkt vermarkten können.“

Das könnte zum Beispiel über die Befreiung von der Stromsteuer passieren oder indem man die EEG-Umlage nur zum Teil auf den regional vermarkteten Strom erhebt. Schließlich muss für den regional vermarkteten Strom niemand große Stromtrassen bauen.

Die vorhandenen Ressourcen können sogar noch besser genutzt werden, wenn die Übernahme der Stromnetze durch die Kommunen wieder stärker unterstützt wird. „Das ist aber sicherlich im Rahmen einer dann zu erwartenden Lobbypolitik für die großen Energieversorgungsunternehmen unwahrscheinlich“, vermutet Roos. „Es ist schließlich kontraproduktiv für diese Energieversorger, weil sie damit viele kleine Versorgungsnetze verlieren würden. Aber trotzdem ist das für die Energiewende von unten absolut unabdingbar.“

Eine riesige Hürde sieht der Bürgermeister aber vor allem mit den Ausschreibungen auf die Gemeinde zukommen. Ähnlich wie Energiegenossenschaften haben die Saerbecker nicht so viel Geld, um an den Ausschreibungen teilzunehmen. „Wir als kleine Gemeinde können uns unter den Rahmenbedingungen des EU-Rechts die Teilnahme an Ausschreibungen gar nicht leisten“, kritisiert er. „Wir müssten ein Fachbüro einschalten, um die ganzen förderrechtlichen Rahmenbedingungen einzuhalten. Dagegen sind die großen Energieversorger mit ihren riesigen Rechtsabteilungen viel zu stark aufgestellt. Da können wir nicht Schritt halten.“

Risiken einer Ausschreibung

Dazu kommt noch das Risiko, riesige Investitionen in die Projektentwicklung zu stecken und dann bei den Ausschreibungen zu verlieren. Damit blockiert das neue EEG weitere Investitionen.

Die Bürger von Saerbeck sind bereit, in weitere Anlagen zu investieren. Eigentlich wären auch die Möglichkeiten vorhanden. Die Gemeinde ist eine von sechs KWK-Modellkommunen in NRW, die von Düsseldorf gefördert werden. Geplant ist neben dem Bau eines Vanadium-Redox-Flow-Speichers auch eine Power-to-Gas-Anlage und der Aufbau eines Nahwärmeversorgungsnetzes.

Audi hat schon angefragt

Saerbeck geht damit den nächsten Schritt der Energiewende an: die Wärmewende. Der überschüssige Wind- und Solarstrom wird dabei in Form von Methan gespeichert. Im Winter heizen die Saerbecker damit ihre Gebäude. Im Sommer vermarkten sie das Methan in der Region. Die Produktionsstätte von Audi in Osnabrück hat schon Interesse an dem Methan aus Saerbeck angemeldet. Der Ingolstädter Konzern schraubt dort seine Elektroautos zusammen und treibt damit auch die Energiewende im Verkehrssektor voran.

Literatur

Fussnoten

  • Der Saerbecker Bioenergiepark ist fertig. Jetzt versorgen Photovoltaik-, Windkraft- und Biogasanlagen die Gemeinde mit sauberen Strom.

  • Die Windkraft hat lange Tradition in der Region. Die alte Windmühle beherbergt jetzt die Feuerwehr. Daneben steht eine modere Windkraftanlage.

  • Die Saerbecker haben die Energiewende nicht vor den Toren der Stadt gelassen. Viele Häuser im Ort sind mit Solaranlagen bestückt. Für die Anlage auf dem Dach der Gesamtschule haben die Planer Kreativität bewiesen.

  • Bis zu 300 Monteure arbeiteten gleichzeitig auf der Baustelle, um den Bioenergiepark rechtzeitig fertigzustellen.

Foto: Ulrich Gunka

Foto: Gemeinde Saerbeck

Foto: Gemeinde Saerbeck

Foto: Ulrich Gunka

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