photovoltaik Ausgabe: 10-2015

„Niemand kommt an uns vorbei“


Dieser Solargenerator auf dem Dach eines Gewerbekunden wurde von Alternative Energiesysteme Holleiserrichtet. Er leistet 100 Kilowatt.

Dieser Solargenerator auf dem Dach eines Gewerbekunden wurde von Alternative Energiesysteme Holleiserrichtet. Er leistet 100 Kilowatt.

Österreich — Mittlerweile hat der Eigenverbrauch auch den Markt in unserem südlichenNachbarland erobert. Hans Kronberger ist Präsident des Branchenverbandes Photovoltaic Austria in Wien. Im Gespräch erläutert er, welche Reparaturen die Förderung des Ökostroms brauchtund welche Rolle die Speicher bei der Energiewende im Alpenland spielen. Ein Interview

Inhaltsübersicht

  1. „Niemand kommt an uns vorbei“
  2. Dr. Hans Kronberger
  3. Speichertagung in Wien
  4. Photovoltaik Austria

Die Zeit der Fördersysteme mit Einspeisevergütung läuft ab. Welche Änderungen werden in den kommenden Monaten diskutiert?

Hans Kronberger: Die Reparatur der Sonnenstromförderung wird notwendig, wenn die Produktionskosten für Solarstrom deutlich unter die Strompreise sinken. Dann macht es keinen Sinn mehr, die erzeugte Kilowattstunde über Einspeisetarife für das Stromnetz zu fördern. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, dass wir uns mit dem Eigenverbrauch und der Eigenverantwortung für den erzeugten Sonnenstrom beschäftigen müssen.

Wie drängend ist der Handlungsbedarf?

Er ist akut! Wenn Strom aus erneuerbaren Energien immer preiswerter produziert werden kann, müssen wir auch Verantwortung für den Absatz dieses Stroms übernehmen. Bisher gilt in der Europäischen Union die Verpflichtung für die Netzbetreiber, Strom aus erneuerbaren Energien abzunehmen. Das war in der Anfangsphase der Photovoltaik enorm wichtig. Diese Abnahmeverpflichtung wird jedoch fallen, wenn es keinen Absatzmarkt für den eingespeisten Strom aus Solargeneratoren oder Windrädern gibt. Doch wir sollten selbstbewusst in die Debatten gehen, niemand kommt mehr an uns vorbei. Wir sind ein aufstrebender Player.

Dann sprechen wir zwangsläufig über Eigenverbrauch und dezentrale Versorgung ...

Genau. Denn es geht darum, Sonnenstrom in den Strommarkt zu bringen, ihn wirtschaftlich konkurrenzfähig zu machen. Also müssen wir schauen, wo die Absatzmärkte für Solarstrom künftig liegen. Die Elektromobilität ist dabei ein wichtiges Thema, aber vor allem die Wärme. Ich denke, dass Strom als Zukunftsenergie nach wie vor unterschätzt wird. Ich erwarte, dass grüner Strom zunehmend zur Erzeugung von Heizwärme, Warmwasser oder Prozesswärme in der Industrie eingesetzt wird.

Erwarten Sie die Rückkehr der Stromheizung?

Nein, die alte Stromheizung ist Vergangenheit. Es geht um intelligente Wärmebereitstellung in Kombination mit modernen Techniken. Ich denke, dass es sinnvoll sein wird, die wirtschaftlichen Vorteile des Stroms voll auszuspielen, vorausgesetzt, er stammt aus erneuerbaren Quellen. In Österreich haben wir sehr viel Wasserkraft. Sonnenstrom, Windkraft und Wasserkraft auch für die Wärme zu nutzen, wird die Energiewende beflügeln. Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich das noch nicht allzu laut sagen darf.

Bei uns dürfen Sie das laut sagen ...

Gut, denn die Gründe leuchten ein. Man kann Raumwärme viel intelligenter steuern und verteilen, wenn sie mit Strom erzeugt wird. Auch sind die Energieverluste viel geringer, vom Materialeinsatz für die Verrohrung der Kessel, Heizwasserspeicher oder Heizkörper zu schweigen. In der Modernisierung lassen sich elektrische Heizsysteme viel einfacher und kostengünstiger nachrüsten als thermische Systeme. Und man sollte nicht vergessen, dass Kühlung und Klimatisierung mit Strom viel einfacher sind.

Kühlung und Klimatisierung sind ein Thema für den Sommer, also für Sonnenstrom. Die Heizung im Winter doch eher nicht, oder?

Ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen: Am Weihnachtsabend 2013 stammte ein Prozent des Stroms im Netz von Niederösterreich aus Solargeneratoren. Der 24. Dezember ist der kürzeste Tag des Jahres, hat also die wenigste Sonneneinstrahlung. Zugleich ist der Strombedarf sehr hoch, weil die Familien überall Gänse und Truthähne im Bratofen haben. Viele Küchenherde laufen elektrisch. Man sollte also den Sonnenstrom im Winter nicht unterschätzen. Zudem haben wir im Winter viel Wasserkraft und Windstrom. Auch Power-to-Gas spielt eine Rolle.

In Österreich sind die Bedingungen für Eigenverbrauch günstiger als in Deutschland. Beflügelt diese Tatsache den Photovoltaikmarkt?

Es stimmt, in Österreich sind 25.000 Kilowattstunden von Abgaben befreit, in Deutschland nur maximal 10.000 Kilowattstunden. Diese Forderung durchzusetzen, war ein heißer Kampf im letzten Jahr.

Was unterscheidet die politische Szene in Österreich von Deutschland?

Zum Glück sind Politik und öffentliche Meinung bei uns in Österreich aufgeschlossener, wenn es um erneuerbare Energien geht. Das hat mit der langen Tradition in der Wasserkraft zu tun. Wir haben zum Beispiel nicht so eine Feindpresse gegen die Photovoltaik wie in Deutschland. Auch ist Österreich überschaubarer, sowohl in den Bundesländern als auch in Wien.

Und Sie haben nicht so große Konzerne als Gegner ...

Freilich, bei uns ist die Stromversorgung in den Bundesländern organisiert. Die Mehrheitsanteile an den Regionalversorgern liegen zum großen Teil in kommunalen und öffentlichen Händen. Für den Ausgleich zwischen den Regionalnetzen sorgt ein übergeordneter Verbund, der ähnlich verwaltet wird.

Sehen Sie die Regionalversorger als Partner bei der Neufassung der Ökostromförderung?

Neben anderen, wie die Sozialpartner auch. Weil wir schon seit Jahrzehnten mit Wasserkraft gute Erfahrungen gemacht haben, ist die Offenheit den erneuerbaren Energien gegenüber viel größer als bei Ihnen in Deutschland. Wir müssen mit vielen Akteuren sprechen. Für alle gilt: Halb zog sie ihn, halb sank er hin. Ein Selbstläufer ist das auch bei uns nicht.

Wie könnte die Reform der Förderung aussehen?

Mein Vorschlag ist es, unser Ökostromgesetz, ausgelegt für zehn Jahre, zu adaptieren und die Tarifförderung vorzuziehen. Es gibt keine Energietechnik, die es in so kurzer Zeit geschafft hat, die Preise so dramatisch zu senken. Wenn ich von Wettbewerbsfähigkeit rede, meine ich nicht nur die Strompreise für private Haushalte, die bei uns in Österreich um 20 Cent je Kilowattstunde liegen. Natürlich aus Kraftwerken, die längst abgeschrieben sind und von jahrzehntelangen Subventionen profitieren. Ich meine vor allem die Stromtarife für Gewerbe und die Industrie. Im Gewerbe zahlen Sie 14 bis 17 Cent je Kilowattstunde, in der Industrie acht Cent.

Welcher Zeitrahmen schwebt Ihnen vor?

Uns stehen Wahlen ins Haus, zunächst zum Bürgermeisteramt von Wien, dann in Oberösterreich. 2018 sind Bundeswahlen. Bis dahin wollen wir ein Ökostromgesetz, das die Förderung im Sinne der EU-Vorgaben erfüllt. Sinnvoll wäre eine Investitionsförderung, die sich nach der installierten Solarleistung bemisst. Ich denke, bis 2020 oder 2022 kommen wir in die Marktfähigkeit der Photovoltaik.

Wie läuft der Zubau in diesem Jahr?

Wir kämpfen darum, das erste Gigawatt zu erreichen, im kumulierten Zubau. Dafür brauchen wir in diesem Jahr einen Zubau von 215 Megawatt. Mitte des Jahres waren davon 40 Prozent erreicht. Wir hoffen auf einen starken Herbst, um das ambitionierte Ziel zu erreichen. Bereits jetzt sehen wir, dass der Eigenverbrauch das Geschäft antreibt.

Woran sehen Sie das?

An den Stromspeichern, sie sind bereits ein sehr starkes Thema. Deshalb haben wir als Photovoltaikverband mit Varta schon einen weiteren Batteriehersteller als Mitglied aufgenommen. Derzeit haben wir 140 Vollmitglieder, insgesamt sind es 260 Unternehmen. Im November führen wir in Wien einen großen Speicherkongress durch, um die Erfahrungen mit Förderkonzepten aus Deutschland und einzelnen Bundesländern in Österreich systematisch auszuwerten.

Welches Ziel verfolgen Sie damit?

Uns geht es um ein Fördersystem des Bundes für Stromspeicher in ganz Österreich. Wir haben einen fachkundigen Beirat für Speicher gegründet und wollen zwei Vertreter dieser Branche in den Vorstand unseres Verbandes kooptieren. Im Juli dieses Jahres fand ein erstes Kolloquium zu Stromspeichern in der Photovoltaik statt. Das war sehr gut besucht, vor allem von Anbietern aus Deutschland.

Welche Bundesländer haben bisher eine Förderung?

Wien, Salzburg, Oberösterreich, das Burgenland und die Steiermark. Die damit gemachten Erfahrungen wollen wir wissenschaftlich bewerten, nur dann wird eine sinnvolle und wirksame Förderung des Bundes möglich.

Das Gespräch führte Heiko Schwarzburger.

Literatur

Fussnoten

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