photovoltaik Ausgabe: 09-2017

Die letzte Reise


Nicht alle Kunden schaffen es, Altmodule auch richtig zu verpacken.

Nicht alle Kunden schaffen es, Altmodule auch richtig zu verpacken.

Recycling — Wer defekte Module entsorgen will, beauftragt einschlägige Dienstleister. Die Kosten hängen von der Art der Beschädigung und vom Modultyp ab. Nicht zu vergessen: der Aufwand für sachgerechte Verpackung und Transport. Petra Franke

Ein Hagelsturm hat große Teile einer Anlage unbrauchbar gemacht. Nun will der Kunde die defekten Module ordnungsgemäß entsorgen. Auch für diese letzte Reise gibt es Regeln. Und natürlich wie fast immer auch Alternativen, die mehr oder weniger kosten.

Tatsächlich nicht mehr gebrauchsfähig?

Zunächst einmal dürfen nur nicht mehr gebrauchsfähige Module tatsächlich recycelt werden. Da gelten mit dem novellierten Elektrogesetz für Solarmodule die gleichen Regeln wie für andere Elektrogeräte auch. Alle Module, die noch funktionsfähig sind und dennoch aus unterschiedlichsten Gründen aus der Anlage ausgebaut werden, sind dem Zweitmarkt zuzuführen, sprich wiederzuverwenden. Das Gesetz unterscheidet hier ganz fein in nicht mehr funktionstüchtige Altgeräte und noch gebrauchsfähige gebrauchte Geräte. Ob es wirklich in jedem Fall sinnvoll ist, ein noch funktionierendes Modul dem Zweitmarkt zuzuführen, darüber kann man streiten. Module mit Leistungsverlust in südliche Märkte mit viel Sonneneinstrahlung weiterzuverkaufen, mag nicht immer nachhaltig sein.

Für die Frage, was die Entsorgung kostet, bietet PVEX aus Taucha eine praktikable Hilfestellung. Das Unternehmen hat einen Katalog von 20 Merkmalen entwickelt, die bei Inaugenscheinnahme vor Ort erfasst werden. Mit der Checkliste werden neben dem Modultyp sichtbare Beschädigungen systematisch abgefragt: Ist der Rahmen verbogen, ist das Modul verschmutzt, verbrannt, gebrochen? Sind die Stecker intakt, die Anschlussdosen vorhanden?

Wird diese Bestandsaufnahme an PVEX übermittelt, sind sofort differenzierte Preise zu ermitteln. Grundlage dafür bildet eine nahezu lückenlose Datenbank, in der über 1.000 Modultypen mit ihren jeweiligen Charakteristiken erfasst sind. Denn im Laufe der Jahre haben sich die Modultechnologien stark verändert, Rohstoffzusammensetzungen wie auch zum Beispiel Kabellängen, Abmessungen der Alurahmen und anderes. Somit hat jedes Modul seinen ganz eigenen Recyclingwert.

Beschädigungen beeinflussen Aufwand

Die zweite wichtige Größe ist die Art der Beschädigung. Denn davon hängt ab, wie aufwendig der Recyclingprozess ist und wie viele Rohstoffe in welcher Güte am Ende tatsächlich wiedergewonnen werden können. Starke Verschmutzungen zum Beispiel beeinflussen dieses Ergebnis.

Rainer K. Schmidt, Geschäftsführer von Ecopark und Gründer des Verwertungsunternehmens PVEX, gibt zu den Marktpreisen eine grobe Schätzung ab: „Wenn Dünnschichtmodule keinen Glasbruch haben, werden diese ab 200 Euro pro Tonne frei Bordsteinkante, also zuzüglich Transport, angenommen und fachgerecht entsorgt. Bei kristallinen Modulen bewegt sich der Preis zwischen 35 und 75 Euro pro Tonne.“

Verpackung und Transport meist unterschätzt

Ein wesentlicher Kostenfaktor im Recyclingprozess ist der Transport. Jeder Lademeter auf einem Lkw kostet Geld. Für Installateure und Betreiber, die nur für einen Einzelfall den Transport buchen, wird es unter Umständen teurer als für einen Dienstleister, der Rahmenverträge mit Logistikunternehmen hat.

Und ein zweiter wichtiger Punkt spielt eine Rolle: die Verpackung. Zerbrochene, verformte Module lassen sich nur schwer verpacken. Und selbst wenn dies nicht der Fall ist, reicht ein Pappkarton nicht. „Wir sehen leider mitunter haarsträubende Verpackungstechniken, die weitab von transportsicher einzuordnen sind“, berichtet Schmidt.

Aber die Module dürfen auf dem Transport nicht zusätzlich beschädigt werden, auch das ist gesetzlich vorgeschrieben. Schmidt hat deshalb gemeinsam mit seinem für die Koordination und Verwertung zuständigen Mitarbeiter Benjamin Sukstorf ein Transportsystem entwickelt, das er seinen Kunden zur Verfügung stellt.

Für den jeweiligen Modultyp erhält der Kunde eine Bauanleitung mit genauen Maßen für eine einfache Bretterbox, in der die Module sicher verladen und gesetzeskonform transportiert werden können. „Viel praktischer, als wenn jeder selbst anfängt zu tüfteln“, sagt er. Weitere Beschädigungen auf dem Transport sind auch deshalb zu vermeiden, weil sie unter Umständen den zuvor kalkulierten Preis beeinflussen. Umweltschmutz wie Laub und Sand können den Aufarbeitungsprozess zusätzlich verkomplizieren und damit verteuern.

Erst verdichten, dann zermahlen

Sind die alten Module bei PVEX auf dem Hof gelandet, wird zunächst geprüft, ob sie tatsächlich unrettbar verloren sind. Denn das ist nicht immer der Fall. Das Recycling selbst erfolgt in zwei Prozessschritten.

Der erste Verdichtungsschritt findet bei PVEX statt. In einer hydraulischen Presse werden die Rahmen vom Modul entfernt, die Kabel und die Anschlussdosen. So wird viel Volumen abgebaut, und die dicht an dicht aufeinanderliegenden Laminate gehen dann zur thermo-chemischen Spaltung. Dieses Verfahren erfolgt bei einem Partnerunternehmen, wobei PVEX die dortigen Prozesse mitgestaltet hat und überwacht. In der Pyrolyse werden die Laminate unter Sauerstoffabschluss einem thermischen Prozess ausgesetzt. Nach dem Versintern bleibt ein Klumpen übrig, in dem alle Elemente verschmolzen sind. Dieser Klumpen wird fein zermahlen.

Die Güte der Reststoffe entscheidet über den Wert

Anschließend können die einzelnen Materialien voneinander getrennt werden. Silizium, Zinn, Silber, Aluminium und vor allem Glas können wiederverwertet werden. Nur zwei Prozent nicht mehr verwertbare Reststoffe bleiben im Idealfall in dem von PVEX entwickelten Verfahren am Ende zurück. Bei stark verschmutzten Modulen oder bestimmten Schadensbildern wird dieser Wert allerdings nicht erreicht.

Nun gilt es, die gewonnenen Rohstoffe auch sinnvoll und wirtschaftlich wieder an den Markt zu bringen. Der Recycler wird zum Rohstoffhändler. Aluminium aus Recyclingprozessen wird bereits seit Langem in großen Mengen auf dem Weltmarkt gehandelt und in neuen Produkten verbaut. Hier gibt es eingespielte Prozesse und Lieferketten, ebenso bei Kupfer.

Entscheidend ist die Güte der Fraktionen. Verunreinigungen wirken sich wertmindernd aus. Die größte Menge macht das Glas aus, das ebenfalls sehr unterschiedliche Qualitäten aufweisen kann. Das eisenarme Glas, das zur Herstellung von Solarmodulen verwendet wird, ist im Idealfall noch immer eisenarm und zum Wiedereinschmelzen für Solarglas geeignet. Aber auch die Bauindustrie nimmt die Glasreste gern ab.

Moderates Marktwachstum

Rainer K. Schmidt schätzt das Marktwachstum sehr viel konservativer ein als zum Beispiel das Bifa-Institut aus Augsburg oder die Irena-Studie von 2016. „Der Recyclingmarkt wird nicht explodieren. Es ist ein moderat wachsender Markt, in dem vor allem europäisch agierende Dienstleister große Marktanteile haben werden“, ist seine Analyse.

Ausgehend von den installierten Mengen und einer konservativ angesetzten Sterberate schätzt er das Marktvolumen für Deutschland für die nächsten Jahre auf 5.000 Tonnen pro Jahr. Dennoch – klare gesetzliche Regelungen und ein moderat wachsendes Marktvolumen sind für einschlägige Unternehmen eine stabile Geschäftsgrundlage.

Die Stellschrauben im Wettbewerb

Die Prozesskosten der Aufbereitung und die Verwertung der gewonnenen Rohstoffe machen die Musik im Wettbewerb. Neben dem ausschlaggebenden Kostenfaktor Transport und Logistik gilt es, möglichst viele Wertstoffe zu extrahieren und diese dann erfolgreich zu verkaufen.

Der Recycler wird zum Rohstoffhändler, und das ist ein ganz eigenes Geschäft. Die Risiken des Abverkaufs schlagen in den Renditen des Recyclers zu Buche. Die Rohstoffe zu lagern und zu verkaufen, wenn die Marktpreise dafür gut sind, neue Einsatzmöglichkeiten und Abnehmer für die einzelnen Reststoffe zu finden, das sind die Herausforderungen in diesem Geschäft. Wenn dies gelingt, ist es vielleicht auch gar nicht so treffend, von einer letzten Reise zu sprechen – denn dann beginnt eine neue.

www.pvex.de

Literatur

Fussnoten

  • Materialzusammensetzung und Beschädigungen alter Module sind verschieden. Im Recycling müssen diese deshalb auch individuell verarbeitet werden.

  • Eine Anleitung von PVEX hilft beim Bau einer passenden Bretterbox, mit der sich Module gesetzeskonform und kostengünstig transportieren lassen.

  • Rainer K. Schmidt (rechts) und Benjamin Suksdorf von PVEX in Taucha sehen im Recycling einen stabilen und moderat wachsenden Markt.

  • Für die Wiederverwertung ist die Qualität der Fraktionen entscheidend.

  • So sehen Lötverbinder aus, die aus Modulen zurückgewonnen wurden.

  • Sturmschäden an Modulen erschweren den Transport und das Recycling.

Fotos: Petra Franke

Foto: Petra Franke

Foto: Ecopark/PVEX

Foto: Ecopark/PVEX

Foto: Petra Franke

  • zurück
  • Druckansicht
  • Versenden

Weitere Artikel zum Thema

Aktuelles Heft

Aktuelle Einstrahlung

Klicken Sie hier, um Strahlungskarten als PDF downzuloaden oder in einer interaktiven Karte für einen konkreten Standort abzurufen.

Einstrahlung Ausschnitt

Frage der Woche

Wie lange muss ein Kunde bei Ihnen derzeit auf die Realisierung eines Auftrags warten?

Abstimmen
Termine

Aktuelle Seminartermine