photovoltaik Ausgabe: 04-2018

Vor dem Boom


Alexander Hirnet (links) und Reiko Stutz stellen den neuen Gewerbespeicher Varta Flex Storage vor.

Alexander Hirnet (links) und Reiko Stutz stellen den neuen Gewerbespeicher Varta Flex Storage vor.

Energy Storage Europe — Der Branchentreff zeigt, dass immer mehr Firmen in den Markt mit Gewerbespeichern drängen. Für einen wirtschaftlichen Betrieb gilt es, den Puffer möglichst vielseitig zu nutzen. Elektromobilität ist ein wichtiger Treiber. Niels Hendrik Petersen

Mittelständische Unternehmen treiben den Speichermarkt voran. Von mehr als fünf Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2018 werden rund drei Milliarden Euro von neuen Speichertechnologien und -anwendungen generiert. Das ergibt eine aktuelle Marktanalyse von Team Consult, das den Markt im Auftrag des Branchenverbandes BVES untersucht hat. Demnach steigen die Mitarbeiterzahlen bei den Speicherfirmen kontinuierlich.

Das Energiesystem braucht Puffer

Für 2018 rechnen die Berater mit einem Plus von neun Prozent. Damit sei die Branche bereits halb so groß wie die Braunkohleindustrie. Das ist sicherlich auch als Wink an den neuen Energieminister Peter Altmaier (CDU) zu verstehen, was künftig Priorität haben sollte. Die Zahlen sprechen für sich: Die installierte Stromspeicherleistung betrug 2017 etwa 7,3 Gigawatt. Gleichzeitig können die in Deutschland installierten Wärmespeicher mit insgesamt etwa 30 Terawattstunden sieben Millionen Menschen mit Wärme versorgen. Strompuffer werden benötigt, um Erneuerbare effizienter ins Energiesystem zu integrieren. So führt der systematische Einsatz von Energiespeichern aktuell zu einer Einsparung von jährlich 10,4 Millionen Tonnen Kohlendioxidäquivalenten oder zehn Prozent der deutschen Pkw-Emissionen. Auch für das Erreichen der Klimaziele der Bundesregierung sind Speicher ein Kernelement.

Aber nicht nur Zahlen, auch neue Produkte gab es in Düsseldorf auf der Energy Storage Europe zu begutachten. Der Batteriespeicherhersteller Tesvolt beispielsweise hat sein neues Outdoor-System vorgestellt. Mit ein mal zwei Metern Grundfläche ist der Outdoor-Speicher platzsparend und kann auch auf einem kleinen Parkplatz installiert werden.

Tesvolt: Alujacke für draußen

Der Batteriespeicher verfügt über eine doppelwandige Außenhaut aus Aluminium. Damit stellt das Modell TS HV 70 Outdoor eine preiswerte Lösung im Vergleich zu einem großen Batteriecontainer dar.

Mit der neuen Schutzwand sei das System gut gegen äußere Einwirkungen geschützt, erklärt Victor Schäfer. Er leitet die Forschung und Entwicklung beim Unternehmen aus Wittenberg. Das Batteriesystem trotzt auch rauen Umweltbedingungen wie salzhaltiger Luft, Hitze oder Kälte. Der Schrank wird optional ohne, mit einer oder mit zwei zusätzlichen Klimaanlagen ausgeliefert, die automatisch für perfekte Umweltbedingungen für den Speicher sorgen.

„Durch die neue Aluminiumjacke sind die Batteriezellen im Inneren zuverlässig geschützt“, versichert Schäfer. Das ermöglicht es beispielsweise, das System auf Autobahnraststätten aufzustellen, wo es leicht zu Schäden kommen kann.

Das Wittenberger Unternehmen stellt sich mit dem TS HV 70 Outdoor frühzeitig für den künftigen Elektromobilitätsmarkt auf. Das Indoor-Modell der Serie stellte Tesvolt bereits auf der Intersolar 2017 in München vor.

Auch der Heimspeicherhersteller Solarwatt drängt nun in den Gewerbemarkt. Durch das Verschalten von bis zu fünf Systemen können 60 Kilowattstunden mit einer Leistung von 20 Kilowatt erreicht werden. Zudem wurde das Leistungsmessgerät, der AC-Sensor, weiterentwickelt. So können künftig auch Photovoltaikanlagen mit höheren Strömen angeschlossen werden: 250 statt 63 Ampere.

Großspeicher bei Solarwatt und Varta

Neben der Lastverschiebung seien vor allem das Lastspitzenmanagement und die Notstromversorgung für Industrie, Gewerbe und Landwirte interessant. Die Elektromobilität bringt zusätzlichen Zug in das Thema. „Gerade im mobilen Service oder bei Kurierdiensten kommen die Fahrzeuge häufig zur gleichen Zeit zur Basis zurück und müssen geladen werden, beispielsweise etwa zum Schichtwechsel oder abends“, berichtet Stutz aus Erfahrungen mit seinen Kunden. Das neue AC-gekoppelte System Varta Flex Storage deckt Leistungen von 20 bis 600 Kilowattstunden ab und kann bedarfsgerecht an die jeweilige Situation beim Kunden angepasst werden.

Speicherförderung in NRW

Besonders interessant sind auch zwei neue öffentliche Förderprogramme, denn sie steigern die Wirtschaftlichkeit von Strompuffern. Batteriesysteme in Verbindung mit Photovoltaikanlagen über 30 Kilowatt installierter Leistung werden auf Bundesebene bislang noch nicht gefördert. Aber neue Landesförderprogramme aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg werden diese Lücke schließen. Sie bieten Zuschüsse für stationäre Energiespeicher, die zusammen mit neu gebauten Photovoltaikanlagen errichtet werden. Seit März fördert NRW Batteriespeicher mit Photovoltaikanlagen, die mehr als 30 Kilowatt Leistung verfügen mit bis zu 50 Prozent, maximal aber mit 75.000 Euro.

Zuschüsse aus Baden-Württemberg

Auch das Land Baden-Württemberg bietet für die Jahre 2018 und 2019 ein neues Förderprogramm für netzdienliche Batteriespeicher. Um den Bau größerer Anlagen zu fördern, bietet das Landesprogramm für Batteriesysteme an Anlagen mit mehr als 30 Kilowatt sogar höhere Zuschüsse als für Heimspeicher. Netzdienliche Speicher an größeren Photovoltaikanlagen werden ebenfalls mit bis zu 30 Prozent und bis 60.000 Euro gefördert.

Die Europäische Kommission hofft ebenso auf ein rasantes Wachstum. Auf ein Volumen von 250 Milliarden Euro jährlich könnte der europäische Batteriemarkt bis 2025 anwachsen. Deshalb unterstützt Brüssel den Aufbau einer eigenen Zellfertigung in Europa. „Damit ist der Batteriemarkt so groß wie die gesamte dänische Wirtschaft”, veranschaulicht Maroš Šefovi. Er ist als EU-Kommissar für die Energieunion zuständig und geht davon aus, dass Europa zehn bis 20 Gigafabriken braucht, um den Bedarf abzudecken. Die erforderlichen Investitionen zum Aufbau einer Großfertigung mit einem Ausstoß von zehn Gigawattstunden Batteriekapazität beziffert er auf etwa eine Milliarde Euro pro Fabrik. Insgesamt schätzt er das Investitionsvolumen auf 20 Milliarden Euro.

Die Gigawattfabrik von Terra E

Die ersten riesigen Batteriefabriken, die derzeit konzipiert werden, erhalten finanzielle Unterstützung von der EU-Kommission. „Die European Battery Alliance wird Terra E weiterhin unterstützen, einschließlich ihres Ansatzes, mehrere Industrie- und Forschungsakteure in ihr Projekt einzubeziehen”, betont Šefovi. Die Terra E Holding plant immerhin den Aufbau einer Großfertigung von Lithium-Ionen-Zellen in Deutschland mit einer Produktionskapazität von 34 Gigawattstunden pro Jahr. Diese soll 2028 fertig sein. Der Geschäftsführer der Holding, Holger Gritzka, geht davon aus, dass das Ziel termingerecht erreicht wird.

Eine zunehmend dezentrale Energieerzeugung durch Windräder, Photovoltaikanlagen und neue Verbraucher wie Elektroautos führt viele Stromnetze an ihre Grenzen. Dabei liegt das Problem nicht an einer generell zu knappen Kapazität. Die Herausforderungen ergeben sich durch zeitlich und örtlich begrenzte starke Leistungsspitzen sowohl bei Einspeisung als auch bei Entnahme aus dem Netz. Temporäre Engpässe und Spannungsprobleme können die Folge sein und die Versorgungssicherheit und -qualität gefährden. Ein flächendeckender Ausbau der Netzinfrastruktur, um Spitzenbelastungen zu decken, wäre teuer und würde die Strompreise über steigende Netzentgelte in die Höhe treiben.

Ads-Tec und Porsche: 320 Kilowatt Power

Die Firma Ads-Tec stellt in Düsseldorf ihre neue speicherbasierte Schnellladelösung High Power Charger aus. Der Clou: Das System ermöglicht das besonders schnelle Laden mit hohen Leistungen. Je nach Situation lädt man im Eigenheim mit elf oder 22 Kilowatt, bei der Arbeit oder beim Supermarkt mit 50 Kilowatt oder bei Schnellladestationen an der Autobahn.

Genau dieses schnelle Laden auf Transitstrecken adressiert der High Power Charger. In Zusammenarbeit mit der Porsche Engineering Group entstand so ebenfalls eine separate Ladesäule, die sogar das Laden mit 320 Kilowatt ermöglicht. „Das ist fast drei Mal so viel Leistung, wie Tesla bisher einsetzt“, bestätigt Andreas Schimanski, Vertriebsleiter bei Ads-Tec.

Der dazugehörige Speicherwürfel misst kompakte 1,20 Meter an allen drei Seitenlängen. Die Netzentlastung durch Speicher, damit Elektroautos künftig schnell geladen werden können, ist ein klarer Trend in Düsseldorf. Weitere Hersteller werden folgen. Enercon nahm Mitte März im ostfriesischen Aurich den ersten Prototyp des E-Charger 600 in Betrieb. Die Ladeleistung liegt bei 350 Kilowatt.

www.energy-storage-online.de

Literatur

Fussnoten

  • Der Tesvolt-Leiter für Speicherentwicklung Victor Schäfer zeigt die Neuerungen.

  • Schnell laden mit 320 Kilowatt: Ads-Tec- Vertriebschef Andreas Schimanski.

  • Die Salzwasserbatterie von Bluesky Energy.

  • Franz-Josef Feilmeier freut sich über gute Geschäfte.

  • Pionier aus Norddeutschland: H-Tec zeigt eine schlüsselfertige Power-to-Gas-Anlage.

  • Pilotprojekt von Enercon: Laden mit 350 Kilowatt.

Foto: nhp

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Foto: Enercon

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