photovoltaik Ausgabe: 12-2018

Schafe in Gefahr?


Der Wolf ist längst wieder heimisch in Deutschland, auch weil er streng geschützt ist.

Der Wolf ist längst wieder heimisch in Deutschland, auch weil er streng geschützt ist.

Solarparks — Schafe ersparen die maschinelle Grünpflege. Doch in Deutschland breitet sich der Wolf wieder aus. Deshalb ist bei den Schutzzäunen einiges zu beachten. Sorgfältige Planung vermeidet zudem Schäden durch die Weidetiere.  Petra Franke

Inhaltsübersicht

  1. Schafe in Gefahr?
  2. Nützliche Links

Die friedlichen Tiere mit dem dicken Fell sind Sympathieträger. Wenn Schafe hinterm Zaun im Solarpark grasen, scheint die perfekte Ergänzung zwischen Energiegewinnung und Nutztierhaltung gefunden. Weil die Anlagen meist umzäunt sind, es dort keinen Verkehr gibt und keine Düngemittel ausgebracht werden, sind solche Flächen geradezu ein Paradies für Schafe. Umgekehrt spart der Solarparkbetreiber Kosten für eine maschinelle Grünpflege. Eine klassische Win-win-Situation.

Nur ein Drittel der Kosten

Und tatsächlich sind beide Seiten, sowohl Schäfer als auch Solarparkbetreiber, mit diesem Arrangement überaus zufrieden. Da ist zum Beispiel Ingo Stoll. Er ist Schäfermeister in Mecklenburg-Vorpommern. Den Beruf des Schäfers hat er von der Pike auf gelernt, seit 1975 sind die Tiere sein Metier. Seit 1992 ist er selbstständig. Stoll beweidet mit seinen Tieren rund 180 Hektar in Solarparks und würde sogar gern noch mehr solcher Flächen nutzen. Stoll sagt: „Für uns Schäfer sind die Solarparks lukrativ und wir leben auch davon.“

Auf der anderen Seite freuen sich die Betreiber über die Biorasenmäher. Daniel Richter, Projektleiter bei EnBW, berichtet: „Wir beweiden fast alle unsere Solarparks mit Schafen, ganz einfach weil das nur ein Drittel der Kosten bedeutet im Vergleich zur maschinellen Mahd und womöglich auch noch einer Entsorgung des Schnittgutes.“

Ein gemachtes Nest für den Schäfer?

Uwe Brandt von Sunfarming sieht das ebenso und ergänzt: „Brennnesseln und Disteln mögen die Schafe nicht. Deshalb muss man schon hin und wieder mal durchmähen, aber natürlich nicht so oft wie ohne Schafe.“ Ob sich solche borstigen Gräser ansiedeln, ist regional verschieden. Im günstigsten Fall ist tatsächlich die Beweidung ausreichend, um die Module vor hochwachsenden Gräsern und damit vor Verschattung zu schützen.

Man könnte meinen, für Schäfer seien Solarparks der ideale Arbeitsplatz. Das stimmt auch in großen Teilen. Dennoch müssen sie einige Kompromisse eingehen und zum Teil zusätzlichen Aufwand betreiben. Daniel Richter von EnBW erzählt: „Nach dem Bau eines Solarparks ist der Boden aufgewühlt und es wächst kaum noch etwas. Wir bringen eine normale Saatgutmischung von schnell wachsenden Gräsern ein, um den sandigen Boden auch schnell zu binden. Je nach Gegend siedelt sich dann auch manchmal stark wachsendes Unkraut an, das die Schafe nicht mögen. Dann muss der Schäfer unter Umständen einzelne Areale freischneiden.“

Ein ungleiches Rennen

Und Ingo Stoll berichtet von einer anderen Schwierigkeit, die er im Solarpark meistern muss: „Die Beobachtung der Schafe ist schwieriger, weil die Module die Sicht behindern. Das bedeutet Mehraufwand. Auf einer Weidefläche ohne Module kann ich im günstigen Fall zehn Hektar überblicken und ein krankes Schaf ausmachen. Im Solarpark muss ich wirklich alles durchlaufen oder umfahren und kann nicht jedes Tier jeden Tag sehen.“

Ein Schaf einzufangen, ist mitunter ein ungleiches Rennen: Während die Schafe unter den Modulen hindurchlaufen, muss der Schäfer um die Modulreihen herumlaufen. Die tägliche Kontrolle der Tiere ist Pflicht für den Schäfer. Hat er Schafe auf mehreren Weiden oder Solarparks, muss er täglich viele Kilometer fahren, um die Tiere zu sehen.

Bodenhöhe und herabhängende Kabel

Damit wirklich alles gut funktioniert, müssen auf Betreiberseite einige Dinge von vornherein gut geplant sein. Wohl am wichtigsten ist die Aufständerungshöhe der Module. Die Schafe sollten ungehindert unter den Modulen hindurchlaufen können und nicht an die Kanten stoßen.

Die untere Modulkante befindet sich idealerweise 80 Zentimeter vom Boden entfernt. Schäfer Ingo Stoll setzt sogar noch einen drauf: „Noch besser ist eine Stoßkante unter den Modulen, sodass die Schafe nie direkt an die Module stoßen können.“ Und auch bei der Montage ist besondere Sorgfalt gefragt: Alle Kabel sollten hochgebunden werden und nirgendwo Schlaufen herunterhängen.

Dazu sagt Schäfer Stoll: „Zwar knabbern die Schafe die Kabel nicht an, aber wenn sie erschrecken und schnell umherlaufen, kann es schon vorkommen, dass sie in einem Kabel hängen bleiben und eventuell Kabelverbindungen trennen.“ Ebenso sollten vorstehende Flacheisen, zum Beispiel an Endpunkten der Gestellreihe, vermieden werden.

Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft hat zusammen mit Brandenburg und Niedersachsen einen Leitfaden für die Beweidung von Solarparks mit Schafen herausgegeben. Darin sind die Anforderungen an die Anlage und die Haltung der Schafe gut strukturiert zusammengefasst.

Gefahr durch Wölfe

Im Leitfaden werden auch Hinweise zur Umzäunung gegeben. Zwar sind die Solarparks fast immer mit hohen Zäunen umbaut, die die Module vor Dieben schützen sollen, doch die Ausführung ist recht unterschiedlich. Und weil der Wolf seinen natürlichen Lebensraum in Deutschland und Europa erfolgreich zurückerobert, ist die Art und Ausführung des Zaunes besonders wichtig, wenn der Park mit Schafen beweidet wird. Denn die Zäune haben eine entscheidende Schwachstelle in puncto Wolfsschutz.

Die meisten Naturschutzbehörden fordern nämlich im Genehmigungsverfahren, dass die Umzäunung unten eine ausreichend hohe Lücke haben muss, um Kleinwildtieren den ungehinderten Durchschlupf zu ermöglichen. Zehn bis 20 Zentimeter Bodenabstand haben deshalb die meisten Zäune. Für den Wolf bedeutet diese Bodenfreiheit eine offene Tür. Wölfe graben sowieso viel lieber, als dass sie springen. Will der Wolf hinter den Zaun zu den Schafen, wird er den Zaun untergraben, und das relativ schnell.

Vorkommnisse dieser Art gab es zwar noch nicht allzu häufig, aber es gab sie. Im Herbst letzten Jahres drang ein Wolf mehrmals in den Solarpark Ramin im Südosten Mecklenburg-Vorpommerns ein und tötete dabei insgesamt 44 Schafe. Der betroffene Schäfer Theo Seiter berichtet: „Der Wolf hat den robusten Stabgitterzaun an mehreren Stellen untergraben.“

Das Landwirtschaftsministerium unterstützte schließlich den Schäfer bei der Errichtung mobiler Weidezäune innerhalb der Anlage. In diesem Jahr allerdings ging Theo Seiter mit seinen Schafen nicht in den Solarpark, sondern übernahm die Grünpflege manuell. Schließlich ist er vertraglich dazu verpflichtet. Er will aber auch die Weidefläche nicht verlieren und plant, im nächsten Jahr den Park wieder zu beweiden.

Hilfe beim Herdenschutz

Und mit zunehmender Wolfspopulation ist es nur eine Frage der Zeit, bis solche Ereignisse vermehrt Schlagzeilen machen. Der Wolf genießt international hohen Schutz. In Europa greift die sogenannte Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, die dem Wolf einen besonderen Schutzstatus verleiht.

Daraus ergibt sich die Verpflichtung, Wölfen den langfristigen Aufbau eines lebensfähigen Bestandes zu ermöglichen. Die Bejagung ist streng untersagt. Weil es immer öfter zu wahren Massakern an Weidetieren kommt, nehmen aber auch die Stimmen zu, die sich für die Aufhebung des Schutzes und für eine Bejagung aussprechen. Ob mit den derzeit in Deutschland lebenden 73 Rudeln bereits eine stabile Population vorliegt, ist die Streitfrage, die unterschiedliche Interessengruppen jeweils verschieden beantworten.

Zusätzlicher elektrischer Zaun

Doch den Schäfern und ihren Tieren, ob nun im Solarpark oder auf der Grünfläche, ist mit dieser Debatte wenig gedient. Der Wolf hat seinen natürlichen Lebensraum in Europa und wird nicht wieder ausgerottet werden. Weidetierhalter müssen auf diese veränderte Gefahrenlage reagieren und idealerweise von der Politik dabei unterstützt werden. Eine praxisnahe Lösung für einen adäquaten Herdenschutz ist gefragt und keine Debatte für oder wider den Wolf.

Was sagen also Solarparkbetreiber und Schäfer zu diesem Thema? Ein zusätzlicher elektrischer Zaun ist eine wirksame Abschreckung. Ein Wolf, der einmal eine solche Erfahrung gemacht hat, wird sich solch einem Zaun nicht wieder nähern. Hat er aber die Erfahrung gemacht, dass er den Zaun überwinden kann, wird er es auch immer wieder versuchen.

Aber auch andere Wildtiere laufen Gefahr, eine unliebsame Erfahrung am elektrischen Zaun zu machen. Wenn der Zaun des Betreibers genau auf der Grundstücksgrenze steht, ist ein zusätzlicher Elektrozaun außen aufgrund der Eigentumsverhältnisse vielleicht nicht möglich. Eine stromführende Litze am Zaun ist dann eine Alternative. Allerdings muss der Bewuchs am Zaun auch stets entsprechend kurz gehalten werden, ansonsten ist aufgrund der Erdung der Effekt dahin. Diese Pflege ist arbeitsintensiv. Für einen mittelgroßen Park sind da schon mal zwei Mann einen ganzen Tag beschäftigt, und das mehrmals im Jahr.

Innerhalb des Parks kann man mit mobilen Elektrozäunen arbeiten. Manche Schäfer sehen darin sogar einen zusätzlichen Vorteil: „Damit werden mitunter große Fläche in kleinere Areale unterteilt und die Schafe können besser überwacht und für notwendige Pflegearbeiten eingefangen werden“, so sieht es Carina Vogel.

Sie arbeitet als Wolfsmanagerin im Landesamt für Umwelt Brandenburg und beweidet auch selbst einen kleinen Solarpark mit Schafen. Sie rät dazu, mit der zuständigen Naturschutzbehörde, die die Vorgaben für den Kleinwildtierschutz macht, eine Lösung zu finden. „Bei der Errichtung eines Parks wäre die einfachste und preiswerteste Lösung, den Außenzaun mit einer Stromlitze zu versehen und auch gleich eine Stromversorgung aus der Anlage heraus einzurichten.“

Schutz vor Untergraben

Eine andere Alternative ist der Schutz vor dem Untergraben, ein aufwendiges Unterfangen. Dabei werden die Zäune mindestens 20 Zentimeter tief in den Boden eingegraben, was nicht unbedingt ausreichend ist. Carina Vogel hat es selbst schon erlebt: „Wenn der Wolf merkt, dass der Zaun nach 20 Zentimetern aufhört, dann buddelt er einfach ein Stück tiefer.“ Darüber hinaus sollen die eingegrabenen Zäune so große Gitterabstände haben, dass Hase und Igel problemlos hindurchschlüpfen können.

Für Michael Jurkschat steht fest, dass die Bodenfreiheit für kleinere Wildtiere die Vorteile der Beweidung von Solarparks stark relativiert. Jurkschat ist Fachreferent beim Landesamt für Ländliche Entwicklung in Brandenburg. „Diese Zäune um die Photovoltaikflächen sind nicht wolfssicher.“ Insofern bleibt dem Schäfer nur, die Beweidung innerhalb der Anlage so zu organisieren, als sei er auf einer ungeschützten Grünfläche. Er muss also auch innerhalb der Anlage die Herde vollständig mit Zäunen einfrieden, die einem vorgegebenen Mindeststandard entsprechen. Wird dieser nicht erfüllt, erfolgt im Falle eines Wolfsübergriffes kein Schadensausgleich.

Solarparks sind wertvolle Weideflächen

Dabei sieht auch Jurkschat die Solarparkflächen als wertvolle Weideflächen. „Wenn es gelingt, viele dieser Flächen für die Beweidung zu aktivieren, könnte das den Schäfern langfristige Perspektiven bieten“, sagt er.

Denn die Schafzucht ist das Segment der Landwirtschaft mit der geringsten Wirtschaftlichkeit, immer wieder geben Betriebe auf. Das bestätigt auch Theo Seiter: „Wir machen das aus Idealismus und Tradition, aber Geld verdienen wir damit nicht mehr. Wir haben Mühe, den Sprit zu bezahlen, um unsere Herden zu betreuen.“

Und Ingo Stoll relativiert das Wörtchen wertvoll. Wertvolle Weidefläche, das sei eigentlich nicht ganz richtig. Der korrekte Ausdruck ist extensives Grünland. Weil die Flächen nicht gedüngt werden, ist das Futter nicht so wertvoll wie Futter aus intensiv bewirtschafteten Flächen. „Lämmer können auf diesen Solarparkflächen nicht fett werden“, sagt er.

Und wer bezahlt?

Um den Herdenschutz mit Zäunen und Herdenschutzhunden zu verbessern, sind Förderungen möglich. Diese Präventionsförderung ist Ländersache. In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen beispielsweise gibt es Zuschüsse zur Errichtung wolfssicherer Zäune. Zudem gibt es finanzielle Entschädigung für vom Wolf gerissene Weidetiere.

Weil die Wölfe sich seit dem Jahr 2000 vor allem von der Lausitz aus Richtung Nordwesten in Deutschland verbreitet haben, verzeichnen die Länder Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen auch die meisten Schäden an Weidetieren. Aber auch in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen gehen Experten inzwischen von ersten festen Wolfsansiedlungen aus.

Literatur

Fussnoten

  • Hier wurde ein Stabgitterzaun vom einem Wolf untergraben.

  • Trotz Einzäunung sind Schafe im Solarpark nicht unbedingt sicher vor Wolfsangriffen.

  • Ingo Stoll beweidet mit seinen Schafen rund 180 Hektar in Solarparks.

  • Herabhängende Kabel können von den Schafen herausgerissen werden.

Foto: Theo Seiter

Foto: EnBW

Foto: Ingo Stoll

Foto: Michael Jurkschat

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