photovoltaik Ausgabe: 11-2019

162 Gigawatt statt 98!


Strombedarf der verschiedenen Sektoren bis 2030.

Strombedarf der verschiedenen Sektoren bis 2030.

Sektorkopplung — Bereits in wenigen Jahren droht eine Stromlücke, weil alte AKW und Kohlemeiler vom Netz gehen. Andererseits wächst der Strombedarf wegen der E-Mobilität und der elektrischen Wärmeversorgung. Heiko Schwarzburger

Mit der Abschaltung der letzten aktiven Atomkraftwerke und dem beschlossenen Kohleausstieg muss bereits mittelfristig die Hälfte der heutigen Erzeugungskapazitäten im Strommarkt ersetzt werden. Ein massiver Rückgang in der Stromerzeugung wird nach Berechnungen der Gutachter auf wachsenden Strombedarf in Deutschland treffen.

Trotz steigender Energieeffizienz wird der Strombedarf aufgrund der Sektorkopplung (Elektrifizierung von Fahrzeugen und der Wärmeversorgung) sowie des Einsatzes von Wasserstoff oder synthetischem Gas durch Power-to-Gas deutlich anziehen.

Dreifache Solarleistung benötigt

Das aktuelle Gutachten der Marktforscher von EuPD Research in Bonn trägt den Titel: „Energiewende im Kontext von Atom- und Kohleausstieg – Perspektiven im Strommarkt bis 2040“. Es kommt zu dem Ergebnis, dass eine Verdreifachung der Solarleistung bis 2030 die sich abzeichnende Stromlücke schließen könnte. Dies erfordert für das Jahr 2030 eine installierte Photovoltaikleistung in Höhe von 162 Gigawatt – weit über dem neuen Deckel, den das Bundeskabinett beschlossen hat.

Gegenwärtig sind in Deutschland rund 1,7 Millionen Solarstromanlagen mit einer Leistung von 48 Gigawatt installiert. Sie decken rund acht Prozent des Stromverbrauchs. Gute Marktverfügbarkeit, niedrigste Stromgestehungskosten im Vergleich der verschiedenen Kraftwerkstechniken, sehr hohe Akzeptanz in der Bevölkerung und eine vergleichsweise schnelle Installation ermöglichen den deutlich beschleunigten Ausbau der Photovoltaik.

30 Mal mehr Speicher als heute

Um die fluktuierende solare Stromerzeugung auszugleichen, werden dringend deutlich mehr Speicher gebraucht. Ende 2019 waren in Deutschland rund 200.000 Stromspeicher installiert, wobei der Markt stark an Dynamik gewinnt. Die Kapazität dieser Kurzfristspeicher muss sich den Berechnungen nach bis 2040 mindestens verdreißigfachen.

Für die saisonale Stromspeicherung besteht die Herausforderung, Kapazitäten für die Elektrolyse von Wasserstoff im zweistelligen Gigawattmaßstab aufzubauen. Wasserstoff wird im künftigen Stromsystem eine wesentliche Rolle spielen: als Speichergas, das im Winter verstromt wird.

„Klimakrise oder Stromlücke? Diese Frage stellt sich nicht, wenn Marktbarrieren für die Solarenergie eingerissen und die Ausbauziele für die Photovoltaik schnell angehoben werden“, zeigt sich Carsten Körnig überzeugt, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft (BSW-Solar). „Dann kann der Ausbau der Solarenergie mit dem Ausstieg aus der Atomkraft und der Kohle Schritt halten und gemeinsam mit anderen erneuerbaren Energien sowie deutlich größeren Speicherkapazitäten die Versorgungssicherheit klimafreundlich sicherstellen.“

Die Studie „Energiewende im Kontext von Atom- und Kohleausstieg – Perspektiven im Strommarkt bis 2040“ entwirft ein realistisches Zukunftsbild des deutschen Strommarktes. Neben der Marktentwicklung werden volkswirtschaftliche Dimensionen des Umbaus sowie die Auswirkungen auf den Strompreis modelliert.

Ein Fünftel mehr Strom bis 2030

Als Datenbasis fungieren Lastgänge und Erzeugungsprofile auf 15-Minuten-Basis. Der Modellansatz folgt dem sogenannten Zieldreieck der Energiepolitik aus Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit.

Insgesamt wird von 530 Terawattstunden im Jahr 2018 ausgehend eine Zunahme des Nettostromverbrauches um gut ein Fünftel auf 657 Terawattstunden bis 2030 erwartet. Dem steht ein Rückgang im konventionellen Kraftwerkspark als Folge des Atomausstiegs sowie der beabsichtigten Stilllegung der Braun- und Steinkohlekraftwerke gegenüber.

Die Berechnungen in der Studie von EuPD Research zeigen, dass bereits ab 2020 ein deutlich höherer Ausbaupfad an Photovoltaik realisiert werden muss, um den steigenden Strombedarf zu decken. Bereits im Jahr 2022 entsteht eine Erzeugungslücke, die bis 2030 auf 70 Terawattstunden anwächst. Bis 2040 dürfte der Strombedarf um 66 Prozent gegenüber 2018 wachsen, auf 107 Terawattstunden.

Dreifache Leistung

Im Vergleich der verschiedenen Szenarien schließt sich die abzeichnende Versorgungslücke mit einem deutlich höheren Zubau an Photovoltaik, einer Verdreifachung der bis heute installierten Leistung. Dies bedeutet für das Jahr 2030 eine installierte Leistung von 162 Gigawatt Photovoltaikleistung in Deutschland. Bis 2040 sind 252 Gigawatt Photovoltaik notwendig.

www.eupd-research.com

Literatur

Fussnoten

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