photovoltaik Ausgabe: 11-2017

„Leistungsdichte verzehnfachen“

Wechselrichter — Sie sind das Herz der Anlagentechnik, dirigieren Sonnenstrom, weitere Generatoren, Speicherbatterien, das Stromnetz und elektrische Verbraucher. Die Umrichter werden kompakter und intelligenter. Jürgen Reinert,CTO von SMA, sagt: In der digitalisierten Welt wachsen die Geräte enger zusammen.  Ein Interview

Wie hat sich die Leistungsdichte bei den Wechselrichtern für die Solarbranche entwickelt?

Jürgen Reinert: Vor drei Jahren hatten wir bei den kleineren Wechselrichtern eine Leistungsdichte von 100 Voltampere pro Liter, das entsprach ungefähr 100 Kilowatt je Kubikmeter. Heute sind wir bei unseren besten Geräten bei 500 Voltampere pro Liter, also der fünffachen Leistungsdichte.

Wie geht es weiter?

Wir haben gerade einen großen Stringwechselrichter für kommerzielle Anlagen in der Entwicklung, der Ende 2018 auf den Markt kommen soll. Er wird über 100 Kilowatt leisten und mit 1.500 Volt als Systemspannung arbeiten. Mit ihm erreichen wir eine Leistungsdichte von 700 Voltampere je Liter. In drei bis vier Jahren sind 1.000 Voltampere unser Ziel. Das bedeutet eine Verzehnfachung in weniger als zehn Jahren.

Werden 1.500 Volt DC zum neuen Standard?

Höhere Systemspannungen helfen sehr, um die Leistungsdichte zu erhöhen. Je höher die Spannungen, desto geringer sind bei gleicher Leistung die Ströme. Durch geringere Verlustleistung können auch die Kühlsysteme kleiner dimensioniert werden. Aber bis sich solche Spannungen auf dem Dach durchsetzen, dürften noch einige Jahre vergehen. Unser neuer Sunny Tripower Core 1 für kommerzielle Aufdachanlagen beispielsweise ist noch nicht auf 1.500 Volt ausgelegt, dafür sehen wir im Augenblick noch keinen Markt. Er arbeitet mit 1.000 Volt am Eingang.

Warum wird es mit 1.500 Volt auf dem Dach noch ein Weilchen dauern?

Als wir vor einigen Jahren unseren ersten Zentralwechselrichter mit 1.500 Volt auf den Markt gebracht haben, waren Sicherungen, Schalter und Anschlusskästen noch relativ teuer. Mittlerweile hat sich die Situation bei den Zulieferern entspannt. Sie haben den Trend erkannt. Das hilft, um die Kosten zu reduzieren. Deshalb setzt sich die höhere Spannung zunächst in diesem Segment durch, wird aber zunehmend auch bei größeren Dachanlagen zum Thema werden, wenn die Normen dort entsprechend angepasst werden.

Neben den verschiedenen Spannungen gibt es Diskussionen, ob sich Zentralwechselrichter oder Stringgeräte besser für Großanlagen eignen. Läuft die Uhr für die zentralen Umrichterstationen ab?

Das sehen wir nicht. Zwar gibt es einen Trend zu Stringgeräten auch bei Großanlagen, aber von der installierten Leistung her gesehen dominieren die Zentralwechselrichter weiterhin das Geschäft der Utilities. In Märkten wie Australien, Indien, dem Mittleren Osten oder Nordafrika bauen wir große Solaranlagen mit Zentralstationen.

Und in China?

Den chinesischen Markt beliefern fast ausschließlich chinesische Hersteller. Allerdings erleben wir dort gerade eine gute Entwicklung mit Stringgeräten sowohl der Marke SMA als auch unserer Zweitmarke Zeversolar. Die Chinesen werden in diesem Jahr zwischen 30 und 40 Gigawatt zubauen, da bedeutet selbst ein kleiner, wachsender Marktanteil eine hohe Solarleistung.

Welche Trends sehen Sie neben der Spannungslage bei der Leistungselektronik?

Technologisch sehen wir zwei wichtige Entwicklungen: Zum einen werden zunehmend Stromspeicher integriert. Das sehen wir beispielsweise im deutschen Markt, aber unter anderem auch in Großbritannien, wo wir Großspeicher zur Netzstützung installieren. Des Weiteren geht der Trend zur Vernetzung des gesamten Wohnhauses, aber auch von kommerziellen Anlagen. Neben der Speichereinbindung geht es um die Sektorenkopplung, also die Vernetzung von Heizung, Stromversorgung, Klimatechnik, Kältetechnik, weißer Ware und Kommunikationstechnik. Das Internet der Dinge kommt auch bei den Verbrauchern an. Um es zu gestalten, muss man die Dinge jedoch verstehen.

Wie meinen Sie das?

Es hat Gründe, warum Google, Apple oder Amazon bisher zwar in der Unterhaltungselektronik tätig sind und in der Kommunikationstechnik, aber in der Energieversorgung kaum eine Rolle spielen. Nur wer über ein umfassendes Systemverständnis inklusive aller Sektoren verfügt, kann im Bereich der digitalen Energiedienstleistungen erfolgreich sein. Obendrein spielt die Cybersicherheit eine wichtige Rolle.

Mit dem Sunny Home Manager haben Sie bereits vor Jahren die ersten Schritte in diese Richtung getan …

Jetzt rollen wir unsere erste Version des neuen Energiemanagementsystems Ennex OS aus, das all diese Funktionen in einer einzigen Plattform vereint. Eine Plattform für alle Geräte und Schnittstellen, frei skalierbar in Hardware und Software. Zunächst bringen wir das neue Produkt für kommerzielle Anwender auf den Markt.

Wie viele Solargeneratoren verwalten Sie bislang im SMA-Portal?

Schon fast 300.000. Wir haben natürlich ein großes Interesse daran, die Kunden in unser Portal zu holen. So können wir ihnen eine besonders professionelle und qualitativ hochwertige Wartung anbieten, sowohl durch die Installateure als auch durch unseren SMA Service. Die Rate der Neuanmeldungen aus den neu installierten Systemen liegt bei 60 bis 70 Prozent. Früher waren es unter 50 Prozent.

Sie erwähnten Stromspeicher. Wie hoch ist die Quote der verkauften Speichersysteme?

In Deutschland werden inzwischen bei 60 bis 70 Prozent der Neuanlagen auch Speicher verkauft. Ohne Stromspeicher ist die Photovoltaik nicht mehr zu denken, auch wenn es Märkte gibt, in denen Speicher noch nicht so eine Rolle spielen wie bei uns.

Zum Beispiel?

Im japanischen Markt spielen Stromspeicher noch keine so große Rolle. Das wird jedoch bald beginnen. In Großbritannien sind es aktuell eher Großspeicher, dort haben wir einige Projekte mit einer Gesamtkapazität von 50 bis 60 Megawattstunden gewonnen. Insgesamt sehen wir einen deutlichen Zuwachs bei den Speichersystemen. 2016 wurden weltweit 2,2 Gigawatt Wechselrichterleistung für Speichersysteme verkauft, 2017 werden es voraussichtlich etwa 3,4 Gigawatt sein. Das sind etwa 50 Prozent mehr.

SMA ist Vollsortimenter, zumindest bei der Leistungselektronik. Sie bieten kleine Stringgeräte, gewerbliche Geräte, Zentralstationen, Modulwechselrichter und Batterie- beziehungsweise Hybridumrichter. Wie sichern Sie den Service ab, vor allem mit Blick auf die internationalen Märkte?

SMA hat derzeit rund 3.000 Mitarbeiter. Davon sind weltweit jeweils mehr als ein Zehntel im Service und im Vertrieb tätig. Wo es möglich und sinnvoll ist, kooperieren wir mit qualifizierten Partnern vor Ort, um eine hohe Servicequalität zu bieten. Die Windbranche hat viele Federn gelassen, weil sie den Service unterschätzt hat. Wir bieten den kompletten Service, von der Inbetriebnahme über Wartungsverträge und Garantieverlängerungen bis zum O&M-Geschäft. Mittlerweile gehören wir zu den weltgrößten Anbietern von O&M für Solaranlagen, und das sind nicht nur Anlagen mit unseren Wechselrichtern.

Also werden Sie beim Vollsortiment bleiben?

Davon rücken wir nicht ab. Wir bieten unseren Kunden neben der Leistungselektronik auch die kompletten Mittelspannungsanschlüsse, die Transformatoren, Power Plant Controller oder Komponenten wie Fuel Saver zur Einbindung von Dieselgeneratoren. Mehr als die Hälfte unserer Zentralwechselrichter liefern wir als Containerstationen aus, mit der kompletten Schaltanlage für den Anschluss an die Mittelspannung, mit den Transformatoren und allem Zubehör. Vor fünf Jahren waren es nur 20 Prozent. Daran erkennen Sie die Bedeutung dieses Geschäfts.

Welche Märkte sind derzeit besonders spannend?

Wir gründen gerade eine Gesellschaft in Mexiko, die übrigens vom ersten Tag an auch für den Service zuständig sein wird. Spannend im Sinne von aufregend ist zurzeit der US-Markt, der von großen Unsicherheiten geprägt ist. Zwei Jahre lang war dort unser stärkster Markt. Nun ist die Projektpipeline im Zuge der Verlängerung der Tax Credits erst einmal abgearbeitet, zudem sind Importzölle in der Diskussion. Die Lage ist im Augenblick sehr unklar. Dies spiegelt sich auch in unseren Verkaufszahlen wider. Wir gehen aber davon aus, dass diese Phase bald vorbei ist.

Welche Aussichten hat der Markt in Australien?

In Australien sieht es deutlich besser aus. Dieser Markt war stark von kleinen Privatanlagen dominiert. Mit dem Arena-Projekt kommen nun Ausschreibungen in Höhe von einigen Gigawatt. Bei diesen Großprojekten, die in der Regel mit Zentralwechselrichtern gebaut werden, haben wir einen Marktanteil von 70 bis 80 Prozent. Dorthin liefern wir alles komplett, mit Schaltanlage für die Mittelspannung und Trafos.

Und in Asien?

In Asien ist Indien mit sieben bis acht Gigawatt Zubau in diesem Jahr sehr interessant. Allerdings tobt dort ein sehr harter Preiskampf. In China tut sich gleichfalls etwas, sowohl im privaten als auch im kommerziellen Marktsegment.

Wie bewerten Sie die Entwicklung in Europa?

In Deutschland, Österreich und der Schweiz sehen wir einen soliden Anstieg. Die Preise sind attraktiv, das wirkt sich auch in den angrenzenden Ländern positiv aus. Nachdem der Markt in Deutschland auf ein Viertel eingebrochen war, sind das gute Nachrichten. Auch wenn derzeit die Lieferfähigkeit der Hersteller ein Thema ist, auch bei den Wechselrichtern.

Wie lange dauert es, bis ich einen Wechselrichter von SMA auf die Baustelle bekomme?

In der Regel sind es bei den Standardgeräten zwei bis drei Wochen. Spezielle Geräte und Projekte dauern etwas länger. Viele Installateure bestellen sehr spät, weil sie sich an sehr kurze Lieferfristen gewöhnt haben. Aber ich gehe davon aus, dass die Industrie das Problem lösen wird. Dann wird sich auch der Zubau beschleunigen, wird der weitere Ausbau der Photovoltaik noch schneller vonstattengehen.

Unser Fachmedium feiert zehnjähriges Jubiläum. Was haben Sie eigentlich vor zehn Jahren gemacht?

Ich war damals bei einer Firma in Schweden tätig, die sich mit Antriebstechnik befasst hat. Ich kam erst später zur SMA mit Verantwortung für das Geschäft mit den Großanlagen.

Wenn Sie zurückblicken: Was waren für Sie wichtige Innovationen von SMA für die Solarbranche?

Vor fünf Jahren haben wir beispielsweise die ersten Container mit kompletten Mittelspannungsstationen ausgeliefert. Dadurch haben wir die Inbetriebnahme von ehemals 40 Stunden auf wenige Stunden verkürzt. Der Sunny Boy Storage vor rund zwei Jahren war gleichfalls ein Meilenstein.

In diesem Jahr haben Sie zur Intersolar ein völlig neues Wechselrichterkonzept vorgestellt …

Das war der Sunny Tripower Core 1 für Gewerbeanlagen, der die Installation auf dem Dach vereinfacht. Wenn ich zurückblicke, fällt mir aber noch etwas anderes auf: Damals konnte sich kein Mensch vorstellen, dass wir vermutlich schon 2019 weltweit im Jahr mehr als 100 Gigawatt Photovoltaik zubauen werden. Niemand konnte wissen, dass die Solartechnik derart einschlägt.

Wo sehen Sie die Branche in zehn Jahren, also 2027?

Bei 200 bis 600 Gigawatt Zubau im Jahr. Im Sonnengürtel wird die Kilowattstunde Sonnenstrom nur noch zwei Komma x Cent kosten. Mehr als die Hälfte der weltweit zugebauten Kraftwerksleistung wird dann durch Photovoltaik realisiert.

Und wo sehen Sie SMA in einem Jahrzehnt?

SMA wird ein Energiedienstleister sein, der neue Marktsegmente und Kundengruppen erschlossen hat. Der Markt wird dann viel, viel größer sein.

Welche Wechselrichter werden wir dann verbauen?

Technisch werden wir Mikrowechselrichter sehen, die im Modulrahmen integriert sind, bis hin zu Zentralwechselrichtern, die bis zu acht oder gar mehr Megawatt leisten. Der Wechselrichter bleibt das Herzstück unserer Lösungen, doch zusätzlich werden die Software- und App-basierten Services für uns immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Das Gespräch führte Heiko Schwarzburger.

www.sma.de

Literatur

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