photovoltaik Ausgabe: 11-2018

Die Gunst der Stunde

SHK-Fachhandwerker — Die Solarteure wissen es längst, viele Heizungsbauer wachen nunmehr auf: Die Verknüpfung von Sonnenstrom mit Heizwärme, Warmwasser und E-Mobilität bietet den Betrieben enorme Chancen. Und zieht junge Leute an. Heiko Schwarzburger

Für Solarteure ist es fast schon selbstverständlich, bei vielen klassischen Heizungsbauern spricht es sich gerade erst herum: Die nächste Heizung funktioniert mit Ökostrom, entweder mittels Wärmepumpe oder als elektrische Infrarotheizung. Der Übergang von der Verbrennungstechnik zum Strom stellt viele Heizungsbauer vor neue Herausforderungen. Denn bislang galten elektrischer Strom oder die Montage von Solarmodulen auf dem Dach als Domäne der Solarteure oder des Elektrohandwerks. Die Heizungsbauer fühlten sich vor allem für Kessel, Thermen und wassergeführte Wärmeverteilsysteme zuständig.

Schon mit den Wärmepumpen begann der Wandel, denn diese Heiztechnik schlägt die Brücke zwischen wassergeführter Heizung und elektrischem Strom als Energiequelle für den Kompressor im Aggregat. Durch Photovoltaik in Verbindung mit der direkten elektrischen Bereitung von Warmwasser oder von Heizwärme erhält dieser Trend eine neue Dynamik.

Experten trafen sich in Geislingen

Zunehmend erkennen auch die SHK-Betriebe, welche Chancen in der Sektorkopplung stecken. Im Sommer trafen sich die Geschäftsführer und Technikchefs der SHK-Betriebe aus dem süddeutschen Raum, die sich in der Bad & Heizung AG zusammengeschlossen haben. Die AG-Zentrale in Geislingen hatte den photovoltaik-Chefredakteur Heiko Schwarzburger sowie die Vertreter von Viessmann, Sonnen und Senec eingeladen, sich über die Trends in der Solartechnik, neue Stromspeicher und Stromprodukte wie Vishare von Viessmann, die Sonnen Flat oder die Senec Cloud To Go zu informieren.

Das Interesse war sehr groß, die Diskussion fundiert und aufgeschlossen. Es zeigte sich, dass die versammelten SHK-Betriebe sehr unterschiedliche Erfahrungen mit der Photovoltaik haben. Einige stehen noch ganz am Anfang, steigen jetzt erst in das Thema ein. Andere haben Solarmodule, Wechselrichter und Speicherbatterien schon länger im Angebot und bauen sie bei ihren Kunden ein. „Fakt ist, elektrischer Strom wird auch bei der Heizungstechnik eine immer größere Rolle spielen“, bestätigt Joachim Kossowski von der Firma Kossowski Bad Heizung Klima aus Lauda-Sachsenflur bei Bad Mergentheim. „Bei uns gehören Photovoltaik und Stromspeicher schon längere Zeit einfach dazu, denn die Kunden fragen danach. Wir bauen diese Produkte in hoher Qualität ein.“

Eigenverbrauch verändert Heiztechnik

Eigenverbrauch heißt das Stichwort, das die Haustechnik revolutioniert. Je mehr Sonnenstrom der Nutzer in seinem Gebäude selbst verbraucht, desto höher ist sein ökonomischer Gewinn. Durch die Kraft-Wärme-Kopplung mit Gasmotoren oder Brennstoffzellen und durch die Elektromobilität wird der ökonomische Hebel noch größer.

Innovative SHK-Betriebe sind frühzeitig in die Photovoltaik eingestiegen oder sie drängen spätestens jetzt in dieses Metier. „Die Möglichkeiten, die wir heute haben, sind fantastisch“, sagt Matthias Alber, Geschäftsführer der Firma Alber GmbH Bad & Heizung aus Filderstadt. „Wir können unseren Kunden immer mehr und immer bessere Lösungen anbieten. In hoher Qualität, aus einer Hand, mit einem klaren Garantieversprechen, das ist unser Grundsatz.“ Die erste Photovoltaikanlage hat das Unternehmen bereits 2003 errichtet. Nun sieht der Firmenchef bereits die E-Mobilität als neues Geschäftsfeld am Horizont heraufdämmern. „Dazu brauchen wir zuverlässige und gute Autos“, meint er. „Da gelten dieselben Grundsätze wie im Geschäft mit Bädern, Heiztechnik oder Sonnenstrom.“

Wallbox mit im Angebot

Matthias Alber bietet seinen Solarkunden die Wallbox für ein E-Auto gleich mit an und baut sie auch ein. „Der nächste logische Schritt sind die Autos. Das sehe ich kommen, auch wenn es sicher noch etwas dauern wird.“

Für die SHK-Betriebe bedeutet die Sektorkopplung, dass sie sich breiter aufstellen müssen. Der Heizungsbauer alleine reicht nicht mehr aus. Man braucht einen Elektromeister, vielleicht sogar eine gut ausgebildete Elektroabteilung, die auch Berechtigung für Mittelspannung, Zähleranschluss und Arbeiten am regionalen Verteilnetz hat.

Die Verkäufer müssen stromgeführte Systeme fortan immer mitdenken und den Kunden anbieten. Das macht das Vertriebsgeschäft komplizierter, vielfältiger und vielleicht etwas kleinteiliger. Richtig spannend wird es aber bei Komplettsystemen für Neubauten oder größere Sanierungsvorhaben, bei denen Sanitär, Heizung und Elektro einander in die Karten spielen.

Andererseits muss die Photovoltaikbranche einsehen, dass der Kampf um den niedrigsten Preis allein kein sicheres Geschäftsmodell ist. „Wir müssen die wachsende Nachfrage unserer Kunden qualitativ hochwertig bedienen und dürfen die Margen nicht zu knapp kalkulieren“, sagt Matthias Alber.

Durch die Sektorkopplung erhöht sich der Wert der Aufträge deutlich gegenüber rein netzeinspeisenden Solargeneratoren. Der Aufwand zur Planung und Installation ist höher, da steckt viel mehr Grips im System – das klassische Kerngeschäft des Fachhandwerks.

Dem Einkauf der Komponenten kommt hingegen eine untergeordnete Bedeutung zu, weil nicht allein die Modulpreise oder die Preise für die Kilowattstunde Solarstromspeicher entscheidend sind. Die Marge entscheidet für den Erfolg im Handwerk, nicht der niedrigste Preis.

Lehrlinge und Gesellen motivieren

Die Sektorkopplung bietet den SHK-Betrieben – wie auch den Solarteuren – aber noch einen weiteren Vorteil: Sie spricht die jungen Leute an. Der Mangel an Fachkräften drückt das deutsche Handwerk, das die Gehälter der Industrie in der Regel nicht zahlen kann. Die Energiewende in den Gebäuden nimmt Fahrt auf, da lauert viel Arbeit für einige Generationen. „Wichtig ist auch, junge Leute zu begeistern. Dabei helfen uns das breite Berufsspektrum, die zunehmende Digitalisierung sowie die offensichtlich notwendige Energiewende mit der Hinwendung zu erneuerbaren Energien sehr. Damit kann ich die Lehrlinge und Gesellen motivieren, uns zu unterstützen, bei uns ihre berufliche Zukunft zu suchen. Das zieht, das sind wichtige Themen bei den jungen Menschen.“ Auf diese Weise können die Handwerksbetriebe neue Fachkräfte gewinnen, die neben der beruflichen Sicherheit auch und vor allem eine sinnvolle Tätigkeit anstreben.

Der Schwerpunkt des Fachhandwerkers ist es, die moderne Gebäudetechnik beim Kunden zu implementieren. Ging es vor einem Jahrzehnt vornehmlich darum, Solarplatten auf die Dächer zu schrauben und den Wechselrichter ans Netz zu hängen, steht nun die Unabhängigkeit der Kunden im Vordergrund. Das ist schon seit Langem das Geschäft des Heizungsbauers, weil die Feuerungen und Wärmepumpen den Nutzern eine autarke Versorgung mit Wärme ermöglichen.

Nur in den Ballungsräumen spielt die Fernwärme als netzgebundene Wärmeversorgung eine Rolle. Doch auch sie gerät durch Mieterstrom – vor allem durch die Kombination von Photovoltaik und BHKW – unter Druck. Ihre Anbieter machen die gleichen Fehler wie die Stromkonzerne, die auf das Stromnetz angewiesen sind: Sie heben die Grundpreise an, um der sinkenden Wärmeabnahme aufgrund besserer Dämmung entgegenzuwirken.

Heizwendeln für Fernwärme

Interessanterweise greift auch in der Fernwärme bereits die Sektorkopplung. So hat beispielsweise der Berliner Versorger Vattenfall elektrische Heizwendeln eingebaut, um preiswerten Überschussstrom von der Börse in Dampf zu verwandeln.

Vor allem im Sommer, wenn die Nachfrage nach Fernwärme gering und das Angebot von Sonnenstrom hoch ist, geht diese Rechnung auf. Doch die Fernwärme hat im Grunde genommen die gleichen systemischen Probleme wie das Stromnetz: zentralistische Netzstrukturen sind sehr aufwendig in Betrieb, Unterhaltung und Modernisierung.

Strom ist pure Information

Wie immens die Kosten sind, beweist der stetig wachsende Anteil der Netzkosten am Strompreis für die Privathaushalte. Er liegt seit Kurzem erstmals höher als die EEG-Umlage und wird weiter wachsen.

Dadurch geraten die Netze ökonomisch immer mehr unter Druck, was den Wandel hin zu einer dezentralen, möglichst autarken Versorgung beschleunigen dürfte. Ein weiterer Trend spielt den Installateuren in die Hände: die Digitalisierung. Mithilfe intelligenter Smarthome-Systeme und Smart Meter lassen sich die Verbräuche exakt ermitteln, optimieren und die Kosten senken.

So erhält künftig jedes Gebäude sein eigenes kleines Netzwerk, in das alle Energieverbraucher integriert sind. Je weniger Energieträger dabei zum Einsatz kommen und je einfacher das System steuerbar ist, desto wirtschaftlicher wird es seinen Dienst tun. Elektrischer Strom ist bei der Erfassung und der Regelung den fossilen Brennstoffen haushoch überlegen. Strom lässt sich nicht nur in Wärme oder Mobilität wandeln. Er ist zudem pure Information. Denn auch die Verbrauchsdaten und die Steuerbefehle werden bekanntlich elektrisch prozessiert.

Literatur

Fussnoten

  • Das Segment der Privatkunden ist das Premiumgeschäft für viele Installateure. Es ist preislich sehr lukrativ und umfasst die gesamte Sektorkopplung.

  • Mit der E-Mobilität erhält die Photovoltaik einen mächtigen ökonomischen Hebel. Dann rückt die E-Tankstelle ans Gebäude, wird Teil der Hausversorgung – mit enormen Entlastungen für die Budgets der Kunden.

Foto: GettyImages/elenabs

Foto: GettyImages/Marc_Osborne

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