photovoltaik Ausgabe: 03-2019

Schnell nachjustieren


Große Aufmerksamkeit ist da, aber welcher Nutzen steckt eigentlich in den digitalen Zählern?

Große Aufmerksamkeit ist da, aber welcher Nutzen steckt eigentlich in den digitalen Zählern?

Smart Meter — Das BSI hat eine erste Marktanalyse für intelligente Messsysteme vorgelegt. Ihr Einbau ist weiter nicht verpflichtend. Die meisten Solarbetreiber sehen den Rollout kritisch. Die Bundesregierung muss erst ihre Hausaufgaben machen. Niels Hendrik Petersen

Inhaltsübersicht

  1. Schnell nachjustieren
  2. PPC/Openlimit Signcubes
  3. Discovergy

Das Barometer steht im roten Bereich, die Luft ist dünn. Die digitale Energiewende erreicht nur magere 22 von möglichen 100 Punkten. Die analog passende Schulnote hieße wohl mangelhaft.

„Die Digitalisierung der Energiewende hakt noch“, resümieren die Autoren der aktuellen Studie „Das Barometer zur Digitalisierung der Energiewende“. Sie wurde von Ernst & Young im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie verfasst. Bereits seit dem 2. September 2016 gilt das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende mit dem Messstellenbetriebsgesetz. Demnach sollten Verbraucher mit einem Jahresstromverbrauch über 10.000 Kilowattstunden, Verbraucher mit unterbrechbaren Lasten sowie Ökostromanlagen, die über das EEG- und KWKG gefördert werden und die mehr als sieben Kilowatt Leistung haben, verpflichtend mit einem intelligenten Messsystem ausgestattet werden. Die Bilanz knapp zwei Jahre später ist mehr als ernüchternd.

Monate wartete die Energiebranche auf den Marktreport zu intelligenten Messeinrichtungen des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Der sollte den Stand der Umsetzung aller BSI-Standards erfassen.

Darunter befinden sich die eichrechtlichen Anforderungen für das Smart-Meter-Gateway, kurz SMGW, den Gateway-Administrator und die Backendsysteme im Markt. Am 31. Januar 2019 war es so weit. Die Beamten des BSI konnten ein einziges zertifiziertes Smart-Meter-Gateway auf dem Markt ermitteln. Eine Einbaupflicht für Smart Meter besteht damit weiterhin nicht, der Einbau ist aber auf ausdrücklichen Kundenwunsch schon heute möglich. Die Marktanalyse wird turnusmäßig jedes Jahr sowie anlassbezogen aktualisiert.

Erstes Gateway zertifiziert

Power Plus Communications und Openlimit Signcubes erhielten Mitte Dezember 2018 dieses erste Zertifikat. Acht weitere Hersteller befinden sich im laufenden Zertifizierungsverfahren des BSI. Die Beamten seien zuversichtlich, dass bald weitere Zertifizierungen erfolgten.

Der gesetzlich vorgeschriebene Rollout der Smart-Meter-Gateways beginnt, wenn drei Geräte unterschiedlicher Hersteller vom BSI zertifiziert wurden. Der zuständige Messstellenbetreiber müsse dann innerhalb von drei Jahren zehn Prozent der verpflichtend einzubauenden intelligenten Messsysteme installieren. 2032 muss der Umbau spätestens abgeschlossen sein. Die Modernisierung der Messtechnik geht zurück auf eine EU-Richtlinie aus dem Jahr 2009.

Smarte Zähler sind das eine. EEG-geförderte Photovoltaikanlagen sollen aber auch steuerbar sein. Das Forum FNN im Branchenverband VDE erarbeitet deshalb im Projekt Messsystem 2020 ein Lastenheft mit Anforderungen für eine interoperable und austauschbare Steuerbox. Die Hardware soll in Kombination mit dem Smart-Meter-Gateway eine Solarstromanlage gemäß den gesetzlichen Anforderungen steuerbar machen.

Umfrage unter Solarbetreibern

Unter den Solarbetreibern gibt es derzeit wenig Akzeptanz für die intelligenten Messsysteme. Nicht einmal jeder Vierte erkennt einen klaren Nutzen. Von rund 1.500 befragten Solarbetreibern haben 77 Prozent eine ablehnende Haltung. Dabei fällt die Bewertung signifikant besser aus, wenn die Smart Meter als Bausteine für dezentrale Vermarktungsmodelle genutzt werden könnten. In diesem Fall befürworten 41 Prozent den Einsatz von intelligenten Messsystemen. Das ergibt eine aktuelle Umfrage, die Commetering Anfang des Jahres durchgeführt hat. Commetering steht für Community-Messstellenbetreiber und sieht sich als Betreiberplattform.

Dies verdeutlicht nochmals, wie wichtig der empfundene Kundennutzen für die Einführung der intelligenten Zähler ist – und zwar für die gesamte Digitalisierung der Energiewende. Denn im Prinzip sind Solarbetreiber durchaus offen für einen transparenten Energiemarkt. Rund 71 Prozent der Befragten sehen Chancen in neuen, digitalen Geschäftsmodellen der dezentralen Energiewelt. Mehr als vier Fünftel der Betreiber befassen sich mit dem Auslaufen der EEG-Vergütung und sind künftig daran interessiert, ihren Überschussstrom zu vertreiben.

Empfang fehlt bei jeder zweiten Anlage

Die vorgesehenen technischen Rahmenbedingungen für intelligente Messsysteme ignorieren teilweise die Realität der Anlagenbetreiber. Der vorgesehene Mobilfunkempfang für die Datenübertragung am Zählerschrank fehlt bei knapp der Hälfte der Betreiber. Er wurde schlicht nicht eingebaut. Auf die Betreiber kommen somit Zusatzkosten zu, die durch die Geräte plus Installation und den Umbau der Zählerschränke bestehen. Rund eine Million Betreiber von Solarstromanlagen seien von diesem Zwangsrollout betroffen, schätzt Commetering. Bis 2024 sind alle neuen und bestehenden Anlagen mit mehr als sieben Kilowatt Leistung mit intelligenten Messsystemen auszustatten, lautet die Vorgabe.

Jeder vierte Befragte gibt an, dass die Zähler bisher mit Hutschienen eingebaut sind, was Umbauarbeiten verursacht. Noch einmal so viele Betreiber nutzen eine optische Schnittstelle, um die lokalen Daten auszulesen. Diese soll allerdings bei intelligenten Messsystemen verboten werden.

Bestehende Anwendungen für eine Optimierung des Eigenverbrauchs werden so unbrauchbar. Moderne Messeinrichtungen verfügen über eine optische Infoschnittstelle auf der Frontseite des Zählers. Über einen Lesekopf können sie die Zählerdaten abfragen und exportieren.

Unkenntnis schützt nicht

Die Umfrage von Commetering zeigt auch, dass die meisten der rund eine Million betroffenen Anlagenbetreiber nicht genau wissen, was auf sie zukommt. Nur 29 Prozent geben an, sich mit den Konsequenzen befasst zu haben. Jeder Zehnte vermutet sogar, nicht betroffen zu sein. Das ist eine falsche Annahme. Auch die Kommunikation zur Digitalisierung der Energiewende hakt. Der Nutzen der Smart Meter ist zumindest erklärungsbedürftig.

Sollen die Hürden für die Zertifizierung abgesenkt werden, um den Rollout zu beschleunigen? Die zuständige Bundesbehörde BSI erwägt das derzeit. Das geht aus einem aktuellen Entwurf (Anlage VII der Technischen Richtlinie TR-03109-1) hervor, den das BSI an diverse Verbände verschickt hat. Demnach sollen die Anforderungen an die Funktionen intelligenter Messsysteme der ersten Generation abgeschwächt werden. Der Entwurf sieht vor, dass Smart-Meter-Gateways ein BSI-Zertifikat erhalten, auch wenn sie nur drei Tarifanwendungsfälle erfüllen.

BNE: Verwässerung der Zertifizierung

Bisher war vorgesehen, dass diese Geräte vier Fälle verpflichtend abdecken müssen. Der zeitvariable Tarif soll nun auf „optional“ zurückgestuft werden, heißt es in dem Entwurf. Auch der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE) bekam das Papier auf den Tisch. „Das BSI will die erste Zertifizierung von Smart-Meter-Gateways um jeden Preis durchbringen und nimmt dafür teure digitale Blindgänger in Kauf“, kritisiert Robert Busch, Geschäftsführer des BNE. Würde dieser Plan umgesetzt, könnten die ersten zertifizierten Geräte weniger leisten als ihre analogen Vorgänger. Dies wäre ein politisches und kommunikatives Desaster, mahnt BNE-Chef Busch.

Komplexität reduzieren?

Wenn die technische Richtlinie demnächst Funktionen vorsieht, deren Erfüllung nur freiwillig ist, brächte der Zertifizierungsprozess SMGWs mit unterschiedlichem Funktionsumfang hervor. Dennoch hätten alle das gleiche Zertifikat. Für den Verbraucher wäre somit unklar, welche Funktionen das bei ihm vom grundzuständigen Messstellenbetreiber eingebaute Messsystem überhaupt abdeckt.

Zudem sei ein Angebot von Mehrwertdiensten und Energielösungen schlicht nicht möglich, wenn nicht eindeutig erkennbar sei, welcher Kunde über welche Funktionen im Smart-Meter-Gateway verfügt, betont der BNE-Chef. Um nicht noch mehr Zeit für die Einführung der Smart Meter zu verlieren, müsse das Messstellenbetriebsgesetz für innovative Messsysteme und -lösungen geöffnet werden, fordert Busch.

Nach Ansicht von Jürgen Blümer werden sich die durch den Rollout vereinbarten Sicherheitsstandards auf die gesamte IT-Branche auswirken. Der Physiker der Firma Heinz Lackmann ist Projektleiter für die Digitalisierung der Energiewende. Er sitzt seit 2011 und in verschiedenen Gremien im Fachforum FNN für die Funktionen im Smart-Meter-Gateway. „Die Sicherheit aller Geräte, die mit dem Internet verbunden sind, wird sich dadurch verbessern“, prognostiziert Blümer.

Ein Anheben der Standards für Gerätesicherheit in anderen Branchen, wie zum Beispiel der Unterhaltungselektronik, werde rasch erfolgen, sagt er, da der Stand der Technik mit dem Rollout eine neue Qualität erreichen werde. Blümer mahnt aber auch die Komplexität an und schlägt eine deutliche Vereinfachung vor – ohne Abstriche bei der Funktionalität zu machen.

Einfache Steuerung ohne Abstriche

Über eine sogenannte Controllable-Local-Systems(CLS)-Schnittstelle im SMGW können Geräte integriert werden, die eine sichere Datenübertragung benötigen. Die Steuerung einer dezentralen Erzeugungsanlage wird so ebenfalls möglich.

Eine alternative Rollout-Strategie könnte helfen, rasch flexible, robuste und sichere Geräte für die Digitalisierung der Energiewende in den Markt zu bringen. Ein Secure-Infrastructure-Gateway, kurz SIGw, ließe sich auf der Basis der heutigen SMGWs umsetzen, weiß Experte Blümer. „Ein solches Gerät hätte aber den Vorteil, dass es aufgrund seiner Komplexitätsreduzierung rascher in den Markt eingebracht werden könnte und über den gesamten Lebenszyklus einfacher zu handhaben wäre.“

Die Probleme liegen viel tiefer

Die Verfasser der Barometer-Studie von E & Y kommen zu folgendem Schluss: Marktakteure nennen zwar die verzögerte Zertifizierung der SMGWs, fehlende Geräte am Markt und Unklarheiten über deren Funktionalitäten als Hauptgründe. Dies sind aus Sicht der Berater aber nur Symptome. Die Ursachen liegen viel tiefer.

„Mit der Digitalisierung verändern sich bestehende Strukturen, Prozesse und Lösungsansätze fundamental. Dies erfordert grundsätzlich ein neues Denken und Handeln von allen Beteiligten“, heißt es auf Seite 6. Dies habe sich aber bis heute noch nicht breit durchgesetzt, bemängeln die Berater. Zudem handelt es sich bei „der Digitalisierung der Energiewende um ein großes und komplexes Infrastrukturprojekt in einem sich dynamisch verändernden Umfeld“.

Silodenken gefährdet Energiewende

Es gebe eine Vielzahl von Schnittstellen zwischen Technologien, Marktakteuren, Behörden und Interessengruppen. Das erfordere eine neue Art der Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten. Hierarchische und bürokratische Strukturen seien hinderlich. Hier gilt es nun möglichst schnell nachzujustieren. Das sprichwörtliche Silodenken behindert die digitale Energiewende maßgeblich, bescheinigt das Barometer.

https://www.bsi.bund.de

https://www.commetering.de

Literatur

Fussnoten

  • Ein intelligentes Messsystem verfügt über ein Gateway mit Schnittstellen nach innen uns außen.

  • Ein Techniker der Stadtwerke Tübingen baut einen Smart Meter in den Musterzählerschrank ein.

  • Die Verbindung zwischen CLS-fähigen Netzwerkknoten und dem SMGW erfolgt über Ethernet.

  • Noch Zukunftsmusik: alle Dienstleistungen rund um digitale Messsysteme aus einer Hand.

Grafik: VDE/FNN

Foto: Südweststrom

Grafik: PPC

Foto: Discovergy

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