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Forschungsprojekt Ebere

Bürgerenergie neu denken

Der starke Ausbau von Photovoltaik und Windkraft zeigt: Die Energiewende kommt voran. Mit wachsender Einspeisung nehmen jedoch die Stunden zu, in denen das Angebot an erneuerbarem Strom die Nachfrage übersteigt. Deshalb schwanken die Börsenpreise stark oder fallen ins Negative.

Erlösmodelle überdenken

Ein wesentlicher Treiber sind Einspeisespitzen durch Photovoltaik, die häufig in Zeiten niedriger Nachfrage auftreten – mittags oder am Wochenende. Für viele größere Bürgerenergieprojekte, deren Erlöse stärker von Marktpreisen abhängen, bedeutet das: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändern sich, Erlösmodelle müssen neu gedacht werden.

Um Angebot und Nachfrage besser in Einklang zu bringen, braucht es zusätzliche Flexibilitätsoptionen wie Speicher oder steuerbare Lasten wie Wärmepumpen und E-Fahrzeuge. Eine wichtige Rolle kann Energy-Sharing spielen, bei dem lokal erzeugter Strom direkt vor Ort genutzt wird. Energy-Sharing ist ein zentraler Hebel für lokale Energiegemeinschaften, niedrigere Stromkosten, höhere Eigenverbrauchsquoten und mehr Beteiligung von Bürgerinnen, Bürgern und Gewerbe – zugleich ein Beitrag zu einem resilienten Energiemarkt.

Noch stehen solche Modelle in Deutschland vor regulatorischen und technischen Hürden. Mit Paragraf 42c EnWG entsteht erstmals ein rechtlicher Rahmen für die gemeinschaftliche Nutzung erneuerbarer Energien über das Stromnetz. Doch der Weg vom Gesetz zur praktischen Umsetzung bleibt anspruchsvoll.

Erzeugungssynchrone Beteiligung

Genau hier setzt das Forschungsprojekt „Erzeugungssynchrone Beteiligung an großen regenerativen Erzeugungsanlagen (Ebere)“ an. Es liefert dringend benötigte Flexibilitätsanreize, entwickelt Modelle zur Lastverschiebung und unterstützt Konzepte zum Energy-Sharing. Dabei wird Stromverbrauch, der sich an lokaler Erzeugung ausrichtet, besonders belohnt. Das heißt, Bürgerinnen und Bürger sowie regionale Akteure erhalten finanzielle Vorteile, wenn sie ihren Verbrauch in Zeiten hoher erneuerbarer Einspeisung verlagern.

Für Versorger entstehen neue Produkte, die Beschaffung und Bilanzkreisbewirtschaftung vereinfachen und die Wirtschaftlichkeit von Solarprojekten stabilisieren. Praktisch bedeutet das: Statt nur grünen Strom zu labeln, werden konkrete Preissignale gesetzt und Beteiligungsmodelle so gestaltet, dass sich systemdienliches Verhalten unmittelbar lohnt.

Neue Abrechnung mit bestehender IT

Eine der Hürden für solche Ansätze liegt bisher in den bestehenden IT- und Abrechnungssystemen der Energieversorger. Diese sind in der Regel auf klassische Lieferstrukturen optimiert, um zum Beispiel Reststrombezug und Überschussvermarktung effizient sicherzustellen. Neue Prozesse für dynamische Tarife und gemeinschaftliche Nutzung lassen sich häufig nur mit hohem Aufwand abbilden.

Ebere setzt auf eine eigens entwickelte Abrechnungssoftware, die ohne tiefgreifende Systemeingriffe in die bestehende IT integriert wird. Die Software übernimmt die Abbildung der erzeugungssynchronen Modelle, während die vorhandenen Kernsysteme davon nahezu unberührt das stark umsatzrelevante Standardgeschäft bearbeiten. Stadtwerke und Regionalversorger können innovative Tarife und Beteiligungsmodelle testen, ohne ihre IT grundlegend umbauen und in neue Abrechnungssysteme investieren zu müssen.

Drei Modelle entwickelt

Um das Leitprinzip von Ebere – die Kopplung von Erzeugung, wirtschaftlicher Beteiligung und flexiblem Verbrauch – in die Praxis zu bringen, wurden drei Tarif- und Beteiligungsmodelle entwickelt, die sich an unterschiedliche Zielgruppen richten. Ausgangspunkt sind Analysen bestehender Investitionsangebote und Bürgerbeteiligungsmodelle in Deutschland sowie eine Bewertung des Beteiligungspotenzials verschiedener Zielgruppen.

Darauf aufbauend werden Mess-, Datenfluss- und Abrechnungsstrukturen für erzeugungssynchrone Tarife und Beteiligungsmodelle entwickelt. Parallel werden Teilnehmer gewonnen und die Modelle in Feldtests mit tatsächlich abgerechneten Geldflüssen in Betrieb genommen. Während der Feldtests werden Verhalten, Rückmeldungen und zentrale Kennzahlen ausgewertet.

Anschließend wird geprüft, wie sich die Modelle auf andere Regionen und Anwendungsfälle übertragen lassen. Die Ergebnisse sollen es Stadtwerken, Regionalversorgern und Projektentwicklern ermöglichen, die Konzepte mit überschaubarem Anpassungsaufwand zu übernehmen und zu skalieren. Die nachfolgend vorgestellten Tarif- und Beteiligungsmodelle werden jeweils durch einen Zusatzvertrag wirksam, der einfach zum bestehenden Stromliefervertrag abgeschlossen und durch die eigens entwickelte Abrechnungssoftware realisiert wird.

1. Ebere Light: Dynamischer Solartarif

Das Tarifmodell Ebere Light bildet den niederschwelligen Einstieg und richtet sich an Haushalte ohne eigene Photovoltaikanlage. Kern ist ein dynamisches System aus Hochtarif und Niedertarif, das an die Erzeugungsleistung einer regionalen Photovoltaikanlage gekoppelt ist. Damit der Tarif verlässlich angewendet werden kann, orientieren sich die Preisstufen an der aktuellen beziehungsweise zu erwartenden Solarstromerzeugung der Anlage.

In Zeiten hoher Einspeisung – etwa bei viel Sonnenschein – sinkt der Arbeitspreis für die teilnehmenden Haushalte. Der zeitliche Vorlauf ermöglicht es, größere Lasten – Waschmaschine, Wärmepumpe oder E-Auto – gezielt in die günstigen Zeitfenster zu verschieben, manuell oder über ein Energiemanagementsystem. Die Haushalte profitieren unmittelbar von Zeiten hoher erneuerbarer Erzeugung, ohne selbst investieren zu müssen.

Für den Versorger verbessert sich die Planbarkeit der Reststrombeschaffung. Bedarf und lokale Einspeisung lassen sich besser abstimmen, der Bedarf an teurer Ausgleichsenergie sinkt. Im Projekt setzt Eberwerk, der regionale Energieversorger im Landkreis Ebersberg (bei München), dieses Modell aktuell als ersten konkreten Pilottarif um.

2. Ebere Classic: Investment mit virtuellem Eigenverbrauch

Mit Ebere Classic geht das Konzept einen Schritt weiter und integriert eine finanzielle Beteiligung. Bürgerinnen und Bürger investieren in eine große Photovoltaikanlage und erhalten im Gegenzug eine anteilige Strommenge, die ihrer Beteiligung entspricht. Die wirtschaftliche Rendite ergibt sich primär aus dem virtuellen Eigenverbrauch dieses Stroms: Die zugeordnete Energiemenge wird mit dem Strombezug des Haushalts verrechnet und senkt so die Energiekosten.

Überschüssige, nicht genutzte Strommengen werden vermarktet, zusätzlicher Bedarf weiterhin über den bestehenden Tarif gedeckt. Zielgruppe sind Bürgerinnen und Bürger ohne eigene Photovoltaikanlage, Projektentwickler größerer Solaranlagen und Versorger mit Bürgerfokus. Haushalte ohne die Möglichkeit, selbst eine Anlage zu betreiben, profitieren finanziell von regionaler Erzeugung, ohne technische oder organisatorische Betreiberverantwortung übernehmen zu müssen. Für Projektierer und Versorger bietet sich zusätzliche Refinanzierung für Großanlagen. Zugleich wird die Kundenbindung gestärkt, weil die Stromkunden direkt am Projekterfolg beteiligt sind.

3. Ebere Community: Energy-Sharing

Das Tarifmodell Ebere Community überführt die Idee des Energy-Sharings in eine Energiegemeinschaft. Nicht genutzte Erzeugungsmengen aus der gemeinschaftlichen Anlage werden vorrangig innerhalb der Gemeinschaft verteilt. Teilnehmer beziehen Strom aus der kollektiven Erzeugung zu vergünstigten Konditionen und sind dadurch weniger stark den kurzfristigen Preisspitzen an den Energiemärkten ausgesetzt. Erst darüber hinaus greift der Reststrombezug aus dem allgemeinen Markt.

Durch die Priorisierung des lokalen Verbrauchs wird ein Großteil der Energie dort genutzt, wo sie erzeugt wird. Das stärkt die regionale Wertschöpfung, reduziert Transportverluste und erhöht die Unabhängigkeit gegenüber externer Beschaffung. Für Kommunen, Quartiere und Bürgerenergieinitiativen eröffnet dieses Modell die Möglichkeit, Energiegemeinschaften im bestehenden Rechts- und Marktumfeld praktisch zu realisieren.

Alle drei Modelle verknüpfen wirtschaftlichen Nutzen und systemdienliches Verhalten. Erzeugung, Verbrauch und Erlösstrukturen werden nicht mehr getrennt gedacht, sondern im integrierten, regional verankerten Ansatz zusammengeführt. Damit wird Energy-Sharing aus der Konzeptphase in marktfähige, abrechnungsfähige Angebote überführt. Sie lassen sich mit vertretbarem Aufwand in bestehende Strukturen integrieren und erhöhen zugleich die Akzeptanz für den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien vor Ort.

Foto: Ebere

Foto: Ebere

Foto: Ebere

TU Chemnitz

Onlineumfrage: Mitmachen!

Die Technische Universität Chemnitz führt eine Onlinebefragung durch. Ziel ist es, Präferenzen und Erwartungen potenzieller Teilnehmerinnen und Teilnehmer besser zu verstehen und Beteiligungsmodelle praxisnah auszurichten.

Die Teilnahme erfordert kein Fachwissen. Voraussetzung ist lediglich, dass Sie den Stromvertrag Ihres Haushalts selbst wählen dürfen. Unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern werden Geldprämien verlost. Hier geht es zur Befragung:

Forschungsprojekt Ebere

Interdisziplinäres Konsortium

Ebere wird von einem interdisziplinären Konsortium aus Wissenschaft und Praxis getragen. Die Firma Mincom Smart Solutions bringt langjährige Erfahrung in Massen- und Echtzeitabrechnung ein und verantwortet die Umsetzung der digitalen Tarif- und Abrechnungsstrukturen sowie die Konsortialführung. Die Hochschule München forscht an der Modellierung und Analyse nachhaltiger Energiesysteme und bewertet im Projekt insbesondere die Systemintegration der Modelle und ihre energiewirtschaftlichen Effekte. Die Technische Universität Chemnitz analysiert Nutzeranforderungen, gestaltet die Nutzerschnittstellen und untersucht Akzeptanz und Verhalten in den Pilotmodellen. B.A.U.M. Consult steuert Erfahrung bei der Entwicklung von Geschäftsmodellen, im Dialog der Stakeholder und im Wissenstransfer bei und unterstützt die Überführung der Projektergebnisse in die Praxis von Versorgern, Kommunen und Projektentwicklern.

Gefördert wird Ebere durch das Bundeswirtschaftsministerium von April 2025 bis März 2028. Von Beginn an ist das Projekt auf Skalierbarkeit und Übertragbarkeit ausgerichtet: Die entwickelten Modelle und die zugrunde liegende Softwarearchitektur sollen es Stadtwerken, Regionalversorgern und kommunalen Akteuren ermöglichen, eigene regionale Angebote für Beteiligung und Energy-Sharing aufzubauen oder bestehende Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln.

Die Autoren

Theresa Liegl
ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule München für Modellierung sozio-technischer Dynamiken in dezentralen erneuerbaren Energiesystemen.

Ebere

Maximilian Lutz
ist Leiter Strategie und Vertrieb bei Mincom Smart Solutions. Die Firma stellt seit 25 Jahren Abrechnungs- und Zahlungslösungen für die Energiebranche, Mobilität und Telekommunikation bereit.

Ebere

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