photovoltaik Ausgabe: 03-2017

Seuche in den Lötstellen

Reklamationen — Wer bei der Qualität der Solarmodule oder Wechselrichter auf Nummer sicher gehen will, braucht professionelles Monitoring. Sein Wert erweist sich, wenn Bauteile mangelhaft sind – und der Streit um die Garantien beginnt. Teil 1 unserer Serie

Peitz bei Cottbus, eigentlich eine ruhige Ecke. Berühmt ist die Gegend am Ostrand Deutschlands nicht, nur Eingeweihten wegen der Peitzer Teiche bekannt: Aufzucht von Silvesterkarpfen. Für uns interessant: Die Photovoltaikanlage von Sven Minetzke, seines Zeichens Fachhändler für Lkw-Ersatzteile. „Ende 2011 habe ich auf meine Lagerhalle eine Solaranlage bauen lassen“, erzählt er. „Wir haben damals 267 Solarmodule von S-Energy installiert.“ Mithilfe der Photovoltaik hat er das frühere Asbestdach saniert, mit Blechplatten und Solarmodulen.

Ein Lehrbeispiel für Monitoring

Gekauft wurden die Module seinerzeit bei Donauer, mittlerweile ist dieser Händler insolvent. „Von den Modulen ist aktuell die Hälfte defekt“, klagt Minetzke. „Der Verlust allein im Jahr 2016 belief sich auf rund 6.000 Euro.“

Minetzkes Story ist ein Lehrbeispiel für gut funktionierendes Monitoring. „Zunächst lief scheinbar alles glatt“, berichtet er. „Die Wechselrichter meldeten Erträge, es gab keine Ausfälle.“ Vier Sunny Boy Tripower 18000 und drei 15000 führen die Strings zusammen und speisen den Wechselstrom ins regionale Netz ein. „Als ich die Jahreswerte abrechnete, merkte ich aber Ende 2015, dass die Erträge sanken.“

Eine ernüchternde Diagnose

Anfang 2016 baute ein befreundeter Installateur einen Solar-Log 1000 ein, um die Anlage systematisch zu überwachen. Im Februar 2016 wurde eine neue Firmware auf den Datenlogger gespielt. Seitdem kann der Solar-Log auf Referenzwerte von vergleichbaren Anlagen in der Nachbarschaft zugreifen, die gleichfalls per Datenlogger verwaltet werden. „Ich fiel aus allen Wolken“, erzählt Minetzke. „Wir stellten eine Abweichung von minus 25 Prozent fest. Danach haben wir die Anlage gründlich inspiziert.“

Die ernüchternde Diagnose: Der Installateur stellte Hotspots an den Modulen fest. Offensichtlich handelt es sich vermutlich um gravierende Produktionsmängel in einem Werk von S-Energy, denn bundesweit berichten Installateure ähnliche Erfahrungen. Die Lötstellen der Zellstrings an den Verbindern sind unsauber, das erkennt man leicht am Lötstempel. „Damit fingen die Diskussionen an“, erzählt Minetzke weiter. Zwar hatte er nun Klarheit über die Ursachen des Ertragsverlustes, doch es begann eine Odyssee.

Donauer ist insolvent, dort sind längst alle Telefone tot. S-Energy wird zwar in Deutschland noch von zwei Händlern vertrieben. Doch diese sind für historische Fälle nicht zuständig. Eine deutsche oder europäische Niederlassung hat der koreanische Hersteller offiziell nicht. Nach wochenlangem Verkehr per E-Mail verwies er Minetzke an den Dienstleister Suncycle, der in Thüringen eine große Reparaturwerkstatt betreibt.

Normalerweise greift in so einem Fall die Garantie des Herstellers, dass die Leistung der Module innerhalb von zehn oder 20 Jahren nicht unter einen bestimmten Wert fällt.

S-Energy berief sich auf seine AGB und schickte dem gebeutelten Solarkunden einige Ersatzmodule. Die Inspektionen, die Demontage der schadhaften Module und die Remontage der neuen Module soll der Kunde übernehmen. „Seit über einem Jahr zieht sich die Sache schon hin“, meint Minetzke. „Suncycle lieferte 20 reparierte Module, die ich auf eigene Kosten aufs Dach bringen musste, inklusive Gerüst.“

Seriennummer auf der Rückseite

Die Module von S-Energy tragen die Seriennummer ausschließlich auf der Rückseite, auf einem Aufkleber auf der Folie. Zwar kann man betroffene Module beispielsweise mit Thermografie finden. Aber um die Nummern festzustellen und beim Hersteller einzureichen, muss man das Modul vom Montagegestell abnehmen – faktisch eine komplette Demontage.

Dabei weiß Minetzke nicht einmal, ob die übrigen Module in diesem Sommer nicht auch von Hotspots befallen werden. Denn die Seuche scheint sich schleichend über das gesamte Modulfeld auszubreiten. „Bisher wurden 60 von 267 Modulen getauscht“, stöhnt Minetzke. „Soll ich jetzt ständig nachprüfen, ob die anderen Module auch schadhaft sind – oder es werden?“

Schluderei beim Zulieferer

Aus vorliegenden Gutachten in ähnlichen Fällen geht ziemlich eindeutig hervor, dass es sich um Produktionsmängel von S-Energy handelt. 2011 und 2012 waren Boomjahre in der Photovoltaik, da kamen die Hersteller mit der Auslieferung kaum hinterher. S-Energy hat damals auf Zulieferer zurückgegriffen, die offensichtlich Mist gebaut haben. Mittlerweile haben sich die Koreaner von ihrem einstigen Partner getrennt – was die Murksmodule nicht automatisch aus der Welt schafft.

Ein bisschen ist es wie bei Kindern. Schnell bekommen sie in jungen Jahren Fieber, kriegen Pusteln oder Hitzepickel wie aus heiterem Himmel – das geht vorbei. Auch die Module von S-Energy sind seit 2012 nicht mehr auffällig geworden. Im Gegenteil: Bei vielen Installateuren waren und sind sie aufgrund ihrer Qualität und Stabilität sehr beliebt. Und neben den Reklamationsfällen gibt es draußen auf den Dächern etliche Anlagen, die problemlos laufen.

Die Probleme reißen nicht ab

Die defekten Module gehörten offensichtlich alle zu bestimmten Lieferungen, das erkennt man an den Seriennummern. Nach Informationen, die der Redaktion vorliegen, dürfte es sich immerhin um einige Megawatt handeln. Sie hätten niemals ausgeliefert, erst recht nicht installiert werden dürfen. Was aber viel schwerer wiegt, heute und jetzt: „Die Abwicklung vonseiten S-Energy ist katastrophal“, wettert Minetzke. „Besser wäre es, wenn S-Energy zu seinen Fehlern stehen und die gesamte Anlage durch neue Module ersetzen würde. Sonst ufern die Kosten weiter aus.“

Denn die Probleme reißen nicht ab. Bei den reparierten Modulen – bei zehn von bislang 60 – traten innerhalb von zwei Wochen erneut Hotspots auf. „Jetzt ist meine Geduld am Ende“, sagt er. „Ich akzeptiere keine reparierten Module mehr. Jetzt müssen die Koreaner neue liefern, und zwar fürs ganze Dach.“ Anders macht es tatsächlich keinen Sinn: 2011 hatten die Module noch eine Rahmenhöhe von 50 Millimetern. Heute sind die Rahmen lediglich 40 Millimeter hoch.

Versicherer ziehen sich zurück

Immerhin: Minetzke hatte Glück im Unglück. Sein Versicherer ist die Allianz, sie wird wenigstens den Ertragsausfall übernehmen. Weniger Glück hatte Markus Merkle, Solarteur aus Rickenbach ganz im Süden der Republik. Er hat mehrere Anlagen mit Modulen von S-Energy installiert, in der Summe zwischen 200 und 300 Kilowatt. Auch er war damals Kunde von Donauer.

Seine Versicherung ist die Gothaer, die mittlerweile den Schutz aufgekündigt hat. „Zuerst dachten wir an einen Überspannungsschaden“, berichtet Merkle, der bei der Fehlersuche sehr professionell vorgegangen ist. „Wir vermuteten: Vielleicht sind die Bypassdioden defekt“. Also hat er auf eigene Kosten einige Module getauscht, das war 2013. „Damals haben die Koreaner noch Module mit 54 Zellen gebaut, die 205 Watt leisteten. Dafür hat Suncycle keine Ersatzmodule mehr, die sind kaum zu beschaffen und zu ersetzen.“

Mittlerweile greift auch bei seinen Anlagen der schleichende Leistungsverlust um sich, als seien die Hotspots so etwas wie die Fieberpusteln der Photovoltaik. „Bei einer Anlage sind alle Module betroffen, bei einer anderen ein Fünftel, bei der dritten zwischen sechs und sieben Prozent.“

Bei den Kunden im Wort

Merkle steht bei seinen Kunden im Wort, immerhin war er es, der die Anlagen damals auf die Dächer gebracht hat – im Vertrauen auf das Qualitätsversprechen der Koreaner. Die Garantien von S-Energy sind offensichtlich wenig wert, „wir könnten ja in Korea prozessieren“, meint er. „Aber es kann doch nicht sein, dass unsere Kunden mit leeren Händen dastehen und auf ihren Kosten sitzen bleiben. Auch wir als Installationsbetrieb können uns nicht wochenlang mit der Fehlersuche blockieren. Allein die Kosten für die Gerüste gehen richtig ins Geld.“

Auch er hat mittels Thermografie die Hotspots gefunden. Seitdem erfolgt der Austausch etappenweise, nur nach nervendem E-Mail-Verkehr. „Es sieht so aus, als ob auch die reparierten Module schadhaft sind“, klagt er.

Bei einer Anlage (70 Kilowatt) wurden zunächst acht Module getauscht. Das hat der Versicherer (Gothaer) noch mitgemacht. Als sich erneut 13 Module als schadhaft herausstellten, wurde die Police gekündigt. „Ich habe jetzt die größten Schwierigkeiten, diese Anlage neu zu versichern. Das muss ich irgendwie meinen Kunden verklickern.“

Und nun stehen 13 reparierte Module auf seinem Hof, die Suncycle geliefert hat. „Die schrauben wir nicht aufs Dach“, sagt der Installateur entschieden. „Was ist, wenn auch sie fehlerhaft sind?“

Literatur

Fussnoten

  • Typenschild eines schadhaften Moduls.

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