Vortanzen hat für Klaus Gohde eine ganz konkrete Bedeutung, seitdem der ehemalige Bosch-Manager für den chinesischen Konzern Gotion arbeitet. Zusammen mit zwölf weiteren Mitarbeitern performte er den Schlager „Er gehört zu mir“ von Marianne Rosenberg auf der Bühne des kugelförmigen Kongresszentrums im Headquarter im chinesischen Hefei. Sie trugen silberglänzende Jacketts und orangefarbene Hüte, passend zu den Firmenfarben. Alles selbst ausgedacht und daheim in Deutschland choreografiert – das kam gut an. Ein tosender Applaus ist auf dem Video nach dem Auftritt zu sehen.
Gohde ist Geschäftsführer der Gotion Germany Battery und Werksleiter der Batteriefertigung in Göttingen. Bosch hatte das Werk ursprünglich 1961 gegründet, bevor es im April 2022 von der Gotion High Tech übernommen und umgebaut wurde. Weltweit arbeiten mehr als 50.000 Mitarbeiter für den Konzern, der Batteriepacks für E-Autos, elektrische Nutzfahrzeuge und stationäre Speicher bis fünf Megawattstunden baut.
Die Geschichte des Werks ist eine deutsche Industriegeschichte im Wandel. Über Jahrzehnte fertigte Bosch hier Anlasser für Lkw – bis zu 1,2 Millionen Stück pro Jahr verließen das Werk. Später kam die Instandsetzung von Anlassern, Generatoren, Zündverteilern und Turboladern hinzu.
Schließung abgewendet
Doch mit dem Niedergang des Diesels und dem Strukturwandel der Automobilindustrie schrumpfte die Belegschaft von einst 2.500 auf zuletzt rund 230 Beschäftigte. Ohne den Einstieg von Gotion-Gründer Li Zhen im Jahr 2022 wäre der Standort mit großer Wahrscheinlichkeit geschlossen worden, sagt Gohde im Rückblick. Dass der chinesische Konzern hier einstieg, hätten viele Mitarbeiter als eine große Erleichterung empfunden. Seither hat Gotion rund 50 Millionen Euro investiert, davon 12 bis 15 Millionen allein in die Infrastruktur. Alle Mitarbeiter wurden mit ihren bestehenden Bosch-Verträgen übernommen, inklusive Beschäftigungssicherung.
Auch die hauseigene Ausbildung mit derzeit 30 Auszubildenden zu Mechatronikern, Industriemechanikern und Industrieelektrikern wurde modernisiert. „Die fundierte praktische Ausbildung ist ein echtes Benefit von Deutschland“, betont Gohde. In China gebe es ein vergleichbares duales System nicht – umso wichtiger sei der Nachwuchs für die zunehmend elektrifizierte Hightech-Fertigung am Standort.
Sicherheit geht vor Energiedichte
Zu 95 Prozent setzt Gotion auf die Lithium-Eisenphosphat-Technologie, kurz LFP. Sie gilt als sicher, kommt ohne Kobalt und Nickel aus und ist günstig in der Herstellung. Auch alle Fahrzeughersteller würden mittlerweile auf LFP umschwenken, beobachtet Gohde. Die Hochenergiechemien auf Basis von Nickel-Mangan-Cobalt (NMC) schlichen sich entsprechend langsam aus dem Markt. Wirtschaftliches Recycling sei bei LFP allerdings derzeit kaum möglich – die Inhaltsstoffe seien schlicht zu wenig wertvoll.
Die Sicherheitsvorteile demonstriert Gohde mit einem eindrücklichen Vergleich: Beim Nageltest reagiert eine NMC-Zelle heftig, während die LFP-Pouchzelle praktisch keine Reaktion zeigt. „Die Nachbarzelle interessiert sich gar nicht dafür“, kommentiert er trocken. Trotzdem dürfe man den Energiegehalt eines komplett bestückten Containers nicht unterschätzen – darin stecke die Energiemenge von rund 70 Elektroautos.
Rundgang durch die Fertigung
Aktuell laufen in Göttingen zwei Linien: eine für mobile Anwendungen wie Buspacks für einen spanischen Bus-Hersteller und für umgerüstete Baufahrzeuge, eine zweite für die Module der stationären Speichercontainer. Pro Tag verlässt derzeit ein Container das Werk, die Kapazität soll auf zwei Stück und damit zehn Megawattstunden täglich verdoppelt werden.
Der Prozess beginnt mit der Anlieferung der Zellen aus China. Jede einzelne Zelle erhält eine Seriennummer und wird mit den Produktionsdaten aus dem Mutterwerk abgeglichen. Nur Zellen mit einer Spannungsdifferenz von maximal fünf Millivolt gelangen in die Fertigung. Aus den Zellen entstehen Module, dann Packs, dann Racks – neun Racks ergeben einen Container.
Lückenlose Rückverfolgung möglich
Wie ernst es Gotion mit der Rückverfolgbarkeit meint, zeigt sich an einer Schraubstation. Jede der acht Schrauben eines Bauteils muss in einer fest vorgegebenen Reihenfolge angezogen werden – beginnend oben links, dann diagonal gegenüber, um Verkanten zu vermeiden, erläutert Gohde den Ablauf. Drehmoment, Drehwinkel und Status jedes einzelnen Schraubvorgangs würden digital erfasst und gespeichert. „Das ist State of the Art, was die Rückverfolgbarkeit angeht“, erklärt der Manager. Man merkt ihm den Spaß an perfekten technischen Abläufen regelrecht an.
Am Ende der Linie steht das hauseigene Prüffeld des deutschen Herstellers Averna. Jeder Container wird vollständig geladen, entladen und wieder geladen. Dabei werde nur die Verlustenergie aus dem Netz gezogen, der Rest fließe zwischen zwei parallel geprüften Containern hin und her, erklärt Gohde. So lasse sich die Nettokapazität exakt zertifizieren. Bei einem nominalen Fünf-Megawattstunden-Container weise man dem Kunden so etwa 4,8 Megawattstunden tatsächliche Kapazität nach.
Drei Ebenen für den Ernstfall
Beim fertigen Speichercontainer wird das Sicherheitsdenken besonders sichtbar. Gohde demonstriert ein dreistufiges Brandschutzsystem. Auf der ersten Ebene lasse sich jedes einzelne Pack über ein eigenes Ventil mit Wasser fluten – innerhalb von drei Minuten sei das Pack vollständig gefüllt. Die zweite Stufe bilde eine vollkommen autarke Aerosol-Löschanlage, die im Ernstfall den kompletten Container flute. Als dritte und letzte Möglichkeit gebe es einen externen Anschluss für den Feuerwehrschlauch. „Das wäre aber dann der Worst Case“, ergänzt Gohde. Aber es sei besser, die Möglichkeit zu haben und später nicht zu benötigen.
Zwei Welten unter einem Dach
Aktuell dominiert der Fünf-Megawattstunden-Container mit 43 Tonnen Gewicht das Produktionsprogramm. Eine Weiterentwicklung Richtung sieben Megawattstunden ist in Arbeit, allerdings stößt das Format des 20-Fuß-Containers an Gewichtsgrenzen.
Die Systeme werden für die Zwischenspeicherung von Solar- und Windenergie eingesetzt, zunehmend aber auch für Energiehandel, Netzstabilisierung und Notstromversorgung. Besonders auf Märkten mit volatilen Strompreisen wie den Niederlanden oder dem Baltikum amortisierten sich die Container schnell, berichtet Gohde.
Die Verbindung von Bosch-Erbe und chinesischer Konzernkultur prägt den Alltag. Man bringe hier im Werk zwei Welten zusammen, sagt Gohde. Während chinesische Servicemechaniker per Messenger aus der Ferne instruiert würden und pragmatisch improvisierten, gelte in Göttingen der automotive Anspruch: kein Verbau zweifelhafter Teile, keine ungeregelte Nacharbeit, im Zweifel lieber neu beginnen.
Ein Schaufenster der Energiewende
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: „Wir haben seit zwei Jahren keine einzige Kundenreklamation aus Göttingen“, betont Werksleiter Gohde. Gleichzeitig zollt der erfahrene Manager dem chinesischen Tempo Respekt. Die beiden Fertigungslinien seien in China binnen weniger Monate konstruiert und gebaut worden – in Deutschland wäre man nach einem Jahr noch nicht einmal mit der Konstruktion fertig gewesen, gibt er zu bedenken. Diese Geschwindigkeit gleiche kleine Abstriche bei der Perfektion wieder aus.
Auch das eigene Werk soll bald zur Bühne der Energiewende werden: Auf einer Freifläche entsteht eine 40.000 Quadratmeter große Solaranlage mit vier Megawatt Leistung. Ein Speichercontainer mit sieben bis zehn Megawattstunden soll folgen, sobald die Netzanschlussfrage geklärt ist. Aufs Dach passt die Anlage nicht – das 60 Jahre alte Flachdach gibt das nicht her.
Mittelfristig plant Gotion „in Europa für Europa“ zu fertigen. In der Slowakei und in Marokko entstehen zwei Gigafabriken mit jeweils 20 Gigawattstunden Zellproduktion in der ersten Ausbaustufe. Göttingen bleibt das Schaufenster – an dem 60 Jahre Automotive-Erfahrung auf chinesische Dynamik treffen.
Das Werk hat sich neu erfunden. Hier zeigt Werksleiter Klaus Gohde persönlich – und wenn nötig auch in einem silbernem Jackett mit Tanzeinlage, dass deutsch-chinesische Kooperation manchmal eben einfach eine Frage der richtigen Choreografie ist.
Foto: Niels H. Petersen
Foto: Gotion
Skion
BMZ-Übernahme und neues Führungsduo
Die Beteiligungsgesellschaft Skion hat die Übernahme wesentlicher Teile der insolventen BMZ-Gruppe abgeschlossen. Der Batteriesystemhersteller startet nun unter neuem Namen, mit neuer Eigentümerstruktur und einer neuen Doppelspitze. Auch die Strategie soll angepasst werden.
Die Skion GmbH hat die Übernahme wesentlicher Geschäftsbereiche der BMZ Holding und der BMZ Germany aus dem Eigenverwaltungsverfahren vollzogen. Das teilte die Beteiligungsgesellschaft von Susanne Klatten bereits Ende Februar 2026 mit. Die Kartellbehörden hatten der Transaktion zuvor zugestimmt. Skion war bislang Minderheitsgesellschafter der BMZ-Gruppe und hatte das Unternehmen nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens im Oktober 2025 mit einer Brückenfinanzierung gestützt. Nun ist Skion alleinige Eigentümerin.
Die Übernahme erfolgt über zwei neu gegründete Tochtergesellschaften: die BMZ Battery Solutions GmbH als internationale Holding sowie die BMZ Battery Solutions Germany GmbH. Beide sind keine Rechtsnachfolger der insolventen BMZ-Gesellschaften. In Deutschland konnten nach Unternehmensangaben 207 Mitarbeitende weiterbeschäftigt werden.
CEO ist ab sofort Hartung Wilstermann. Der promovierte Elektroingenieur ist seit 2010 in der Herstellung und Vermarktung von Lithium-Ionen-Batteriesystemen bei verschiedenen Unternehmen tätig. Als CFO fungiert Alexander Koch. Der ehemalige Wirtschaftsprüfer war seit März 2025 in der BMZ-Gruppe tätig und bringt nach Unternehmensangaben Erfahrung aus Transformationsprogrammen internationaler Unternehmen mit. Das Team führt sowohl die Holding als auch die deutsche Gesellschaft.
Die Neuausrichtung soll sich laut Skion auf Batteriesysteme für industrielle Anwendungen und maßgeschneiderte Energiespeicher konzentrieren. Im Fokus der kommenden Monate stünden die Stabilisierung der Kunden- und Lieferantenbeziehungen sowie die Weiterentwicklung der Organisation. Die Nachfrage nach den Kernprodukten sei hoch, der internationale Auftragsbestand gut, heißt es in einer Einschätzung von Susanne Klattens Beteiligungsgesellschaft.