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Flexibilität

Mit dynamischen Preisen das Stromnetz entlasten

Der baden-württembergische Übertragungsnetzbetreiber Transnet BW und Octopus Energy aus Großbritannien erproben netzdienliches Laden von E-Autos. Im Mai stellten sie das Projekt Octoflex BW in der britischen Botschaft in Berlin vor. Großer Bahnhof für eine clevere Idee.

Bis zu 1.500 E-Autos sollen im Netzgebiet der Transnet BW gebündelt werden, um Überschüsse im Netz in Fahrzeugbatterien zu speichern. „Damit haben wir die Aussicht, die Kosten zu senken und die Sicherheit der Versorgung zu erhöhen“, sagte Greg Jackson, CEO von Octopus Energy. Das Unternehmen ist seit einiger Zeit auch in Deutschland tätig. Bislang sind 200 E-Autos im Netzgebiet der Transnet BW beteiligt. Diese Zahl soll schnell steigen.

In UK bereits gängig und erlaubt

In Großbritannien sind flexible Verbrauchsmodelle bereits erlaubt und gängig. Dort hat Octopus Energy rund 250.000 E-Autos unter Vertrag. „Mit unserem Flextarif laden die Autos, wenn das Netz zu viel Strom anbietet, also die Preise niedrig sind“, erläuterte Jackson. „Dadurch stellen wir rund 1,8 Gigawatt Verbrauchsreserve bereit, mehr als ein Atomkraftwerk. Das erhöht die Stabilität des Netzes, ohne dass Geld in den Ausbau fließen muss.“

In Deutschland sind solche Modelle noch nicht erlaubt, die Bundesnetzagentur steht auf der Bremse. Doch auch die Netzbetreiber sind skeptisch. In den Leitwarten herrscht nach wie vor der Grundsatz, dass die Netze durch rotierende Massen aus großen Kraftwerken gesteuert werden müssen. „Der Versuch mit Octopus Energy soll zeigen, dass wir auch die Verbrauchsseite nutzen können, um das Netz zu stabilisieren“, sagte Werner Götz, CEO von Transnet BW. „Wir wollen der Bundesnetzagentur zeigen, dass es funktioniert. Gleichzeitig können die Ingenieure in unserer Leitwarte damit Erfahrungen sammeln.“

Für ihn ist das Projekt der Einstieg, bis zu fünf Gigawatt flexibler Netzreserve aufzubauen, beispielsweise durch Tausende E-Autos und Wärmepumpen. „Wichtig für uns ist, dass Octopus Energy die Verbrauchsreserve garantiert“, erläuterte Götz. „Wir brauchen verlässliche Partner, die vertraglich gebunden sind.“

Früher stützten sich die Übertragungsnetzbetreiber auf rund 50 Kraftwerke, die den Strom mit Dampfturbinen und fossil-nuklearen Brennstoffen erzeugten. Die rotierenden Massen der Turbinen verliehen dem Netz eine gewisse elektrische Trägheit, mit der sich Abweichungen in Spannung und Frequenz gut ausgleichen ließen. „Jetzt haben wir mehr als zwei Millionen Erzeugungsanlagen, die je nach Wetterlage ihren Strom einspeisen“, berichtete Werner Götz.

Nun gelte es, Flexibilität auf der Verbraucherseite zu nutzen, um das Netz zu stützen. Mit Octoflex BW wollen die Partner auch zeigen, dass auf diese Weise die Kosten für Redispatch sinken. „Bis 2030 könnten wir dadurch rund eine Milliarde Euro einsparen“, rechnete Götz vor.

Smart Meter kommen viel zu langsam

Größtes Hindernis bei der Nutzung von flexiblen Verbrauchern sind fehlende Smart Meter in den Verteilnetzen. Die Quote liegt in Deutschland bei unter zehn Prozent. Bis Ende 2024 waren rund 1,15 Millionen Zähler auf intelligente Messtechnik umgerüstet, von 41 Millionen Haushalten.

In UK liegt die Quote bereits bei 65 Prozent, in Frankreich, Italien, im Baltikum und in Skandinavien sind alle Zähler umgestellt. Auch beim Smart-Meter-Rollout erweisen sich die Bundesnetzagentur und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) als Nadelöhr.

Im Mai stellte Green Planet Energy eine neue Studie vor mit dem Titel „Wie Wärmepumpen und Elektroautos fossile Energien ersetzen“. Beide Verbrauchergruppen können ihren Bedarf flexibel einsetzen, um beispielsweise Netzüberschüsse aufzunehmen. Dann würde auch das Problem der negativen Strompreise an der Börse EEX in Leipzig sehr schnell verschwinden. Vorausgesetzt, die Preisvorteile werden an die Stromkunden weitergereicht.

Mit dynamischen Stromtarifen wäre das ohne Weiteres möglich. „Mit smart vernetzten Wärmepumpen, E-Autos und Heimspeichern treiben Verbraucherinnen und Verbraucher die Energiewende aktiv voran und sorgen für eine bessere Ernte von Windstrom und Solarstrom“, sagt Carolin Dähling von Green Planet Energy. „Dadurch sparen Haushalte bei ihren Energiekos­ten und machen die Energiewende insgesamt effizienter und den Strom für alle günstiger.“

Kosten und Emissionen sinken

Die Ökoenergiegenossenschaft zeigt die Effekte von Wärmepumpen und Elektroautos auf den Strompreis, auf die Reduktion von Emissionen und den Ausbau der erneuerbaren Energien. Die Studie im Auftrag von Green Planet Energy wurde vom Beratungsunternehmen Enervis erstellt.

Ergebnis: Wenn Wärmepumpen und E-Autos ihre Leistung an die aktuelle Ökostrommenge anpassen, sinken Kosten und Emissionen. Der Energiebezug verlagert sich von den klassischen Stoßzeiten morgens und abends in die Mittagsstunden mit hoher Solarleistung. Intelligente Steuerungen sorgen dafür, dass die Wärmepumpen zum Beispiel über Pufferspeicher vorheizen, sodass die Wärme bei Bedarf stets bereitsteht. Fahrer können einfach per App angeben, bis wann das E-Auto geladen sein soll.

Konkret belegt die Studie, dass sich die Anzahl der Stunden mit negativen Strompreisen deutlich verringert – im Durchschnitt um 110 Stunden pro Jahr. Das macht Solaranlagen rentabler. Die abgeschaltete Energiemenge wird um sechs Terawattstunden pro Jahr reduziert.

Zudem sinkt der Bedarf an fossilen Erzeugern, beispielsweise Kraftwerken, die verfeuern. Bis 2035 werden insgesamt acht Millionen Tonnen Kohlendioxid eingespart. Das entspricht den jährlichen Emissionen von zwei Kohlekraftwerken.

Wann kommen die Smart Meter?

Nicht zuletzt sorgt der optimierte Betrieb der Wärmepumpen und E-Autos dafür, dass Strom generell günstiger wird: Der durchschnittliche Börsenstrompreis sinkt pro Jahr um rund vier Euro pro Megawattstunde. „Wir müssen jetzt die Voraussetzungen schaffen, damit Millionen Wärmepumpen und E-Autos unser Stromsystem entlasten“, fordert Carolin Dähling. „Anstatt neue Erdgaskraftwerke im großen Stil zu subventionieren und damit den Strompreis zu erhöhen, senkt mehr Flexibilität die Kosten und schützt das Klima.“

Auch in der Studie wird der schnellere Ausbau der Smart Meter angemahnt. Zwar startete 2025 der verpflichtende Rollout für Wärmepumpen und Elektroautos. Doch der Ausbau schleppt sich dahin. „Wenn wir die Digitalisierung der Energiewende weiter verschlafen, liegt dieses Potenzial brach“, meint Carolin Dähling. „Die Bundesregierung muss den Smart-Meter-Rollout priorisieren und die rund 900 Messstellenbetreiber in Deutschland stärker in die Pflicht nehmen.“

Anstatt die Ausbauziele für Wärmepumpen und E-Autos abzuschwächen, braucht es mehr Tempo bei der Wärme- und Verkehrswende, um die Klimaziele zu erreichen. Gerade in Kombination mit dynamischen Stromtarifen bestehen erhebliche Sparpotenziale für die Verbraucher und für den Staat.

Neun Optionen für mehr Flexibilität

Für eine sichere Energieversorgung braucht Deutschland eine Flexibilitäts­agenda. So können die Schwankungen des Energieangebots und der Nachfrage ausgeglichen werden. Die britische Ideenschmiede Ember hat neun Flexibilitätsmaßnahmen ermittelt, die sofort verfügbar sind (siehe Infografik auf nebenstehender Seite).

Wie kann Versorgungssicherheit in Deutschland dauerhaft gewährleistet werden? Der Koalitionsvertrag hat mehr Flexibilität zwar erwähnt, bleibt jedoch hinter den realen Notwendigkeiten zurück. Stattdessen steht der großflächige Zubau von Gaskraftwerken im Fokus des Bundeswirtschaftsministeriums. Dabei gibt es bereits heute nachhaltige Optionen, um Strom aus Windkraft und Solaranlagen verlässlich ins Energiesystem zu integrieren.

Speichern, verlagern, verteilen, versorgen

Vier Kernfunktionen stärken die Flexibilität des Stromnetzes: speichern, verlagern, verteilen und versorgen. Ziel ist es, die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Leo Heberer ist Datenanalyst bei Ember, spezialisiert auf saubere Energien. „Die aktuelle Debatte konzentriert sich auf den Ausbau und die Subventionierung von 20 Gigawatt an neuen Gaskraftwerken“, kommentiert er. „Dabei wird die Versorgungssicherheit und Resilienz in der Zukunft hauptsächlich durch ein vielfältiges Bündel sauberer und flexibler Technologien gewährleistet.“

Nur so lassen sich sowohl die Kosten für Verbraucher als auch die Abhängigkeit von Gasimporten aus Russland oder anderen Lieferanten wirksam begrenzen. Allerdings hinkt der Ausbau der deutschen Stromnetze nach wie vor dem Ausbau der erneuerbaren Energien hinterher.

Die Digitalisierung kommt kaum voran. Nur zwei Prozent der Stromzähler sind auf Smart Meter umgerüstet. Andere Länder in Europa haben mehr als 90 Prozent ausgetauscht, einige sogar vollständig.

Vorhandene Technologien nutzen

Statt in neue fossile Kraftwerke zu investieren, lässt sich die erforderliche Flexibilität durch netzdienliche Speicher und Verbraucher schneller und deutlich preiswerter sicherstellen. „Deutschland braucht keine überdimensionierte fossile Reserve, sondern echte Flexibilität. Die Technologien sind bereits vorhanden“, sagt Carolin Friedemann, Geschäftsführerin der Initiative Klimaneutrales Deutschland.

Sie fordert, die Hürden beim Rollout der Smart Meter abzubauen, den Netzausbau zu beschleunigen und flexible Verbraucher anzureizen. „Die Bundesregierung ist gefordert, die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen, damit sie so effektiv wie möglich genutzt werden.“

Flexibilität fürs Stromnetz ist bereits vorhanden. Netzbetreiber und Politik müssen sie nur nutzen.

Grafik: Ember

Flexibilität fürs Stromnetz ist bereits vorhanden. Netzbetreiber und Politik müssen sie nur nutzen.

Octopus Energy

Electroverse umfasst bereits eine Million öffentliche Ladesäulen

Electroverse ist die Ladeplattform für Elektrofahrzeuge (EVs) von Octopus Energy. Jetzt verbindet sie Autofahrer mit mehr als einer Million öffentlicher Ladestationen auf der ganzen Welt. In Deutschland deckt Electroverse bereits 171.000 Ladesäulen ab.

Eine App von Electroverse ermöglicht EV-Fahrern, einfach zu laden, ohne zwischen mehreren Apps oder Konten zu jonglieren. In Deutschland ist die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer in den letzten zwölf Monaten um 430 Prozent gestiegen.

Während die Neuzulassungen für E-Autos weltweit im letzten Jahr auf über 17 Millionen anstiegen, hilft Electroverse, den Umstieg zu beschleunigen. Electroverse wurde 2020 gestartet. Täglich kommen mehr als 500 Ladepunkte hinzu. Autofahrer können an acht von zehn öffentlichen Ladestationen in Europa laden, bei mehr als 1.200 Anbietern, darunter Ionity, Allego, Aral pulse, Total Energies, Mer, Fastned und Powerdot.

Die Plattform ist in 40 Ländern und 20 Sprachen verfügbar und wird weiter ausgebaut. Damit ermöglicht sie den weltweiten Zugang zum Laden, sogar in Südkorea, Thailand und der französischen Insel La Réunion.

Zudem bietet Electroverse die innovative Plunge-Pricing-Funktion. Sie senkt die Ladekosten um bis zu 50 Prozent, wenn grüner Strom im Überfluss vorhanden ist. „Als wir Electroverse gegründet haben, wollten wir dem Stress beim Laden von Elektroautos ein Ende setzen“, erzählt Matt Davies, Direktor von Electroverse. „Mehr als eine Million angeschlossener Ladestationen später machen wir es Autofahrern so einfach wie nie zuvor, Strom zu tanken, wo immer sie sind.“

https://electroverse.com/de

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