Mitte März 2026: Gerade vier Tage liegen die Landtagswahlen zurück, als das Solar Cluster Baden-Württemberg seine Erwartungen an die künftige Landesregierung veröffentlicht. Nach dem ausgesprochen engen Rennen bringt der Urnengang eine Fortsetzung der grün-schwarzen Landesregierung – auf Winfried Kretschmann als Ministerpräsident folgt der „anatolische Schwabe“ Cem Özdemir.
Mittlerweile steht Schwarz-Grün
Ob ihr der Wahlausgang im Ländle in die Karten spielt? Carolin Grieshops Antwort ist schnörkellos. „Das weiß ich noch nicht“, urteilt sie. „Darüber lässt sich frühestens etwas sagen, wenn wir wissen, was im Koalitionsvertrag steht.“ Mittlerweile ist die Koalition vereinbart, beide Parteien haben dem Vertrag zugestimmt.
Aufgewachsen ist die neue Geschäftsführerin des Solar Clusters auf dem landwirtschaftlichen Betrieb ihrer Eltern im Oldenburger Münsterland in Niedersachsen – als fünfte und jüngste Tochter. Wenn Kindheit und Jugend auf dem Bauernhof für Bodenständigkeit und Pragmatismus sprechen – bei Carolin Grieshop kommen katholische Prägung und Sinn für den Wert der Gemeinschaft hinzu.
Freude am Handwerk
Zugleich entwickelte sie schon früh Freude am handwerklichen Schaffen. „Ich habe angepackt, hab meinem Onkel bei Elektro- und sonstigen Arbeiten in und ums Haus geholfen“, erinnert sie sich. „Das hat mir Spaß gemacht.“ Ebenso wie die Arbeit in der Bäckerei, in der sie hin und wieder aushalf.
Mit zwölf Jahren trat sie der katholischen Landjugend bei, die bundesweit rund 70.000 Mitglieder zählt. Dort engagierte sie sich ehrenamtlich und kam erstmals mit Themen in Berührung, die später für einige Jahre ihren beruflichen Werdegang markierten.
Bäckerlehre und Politikwissenschaft
Nach der Schule beginnt Carolin Grieshop eine Lehre in der Bäckerei, in der sie zuvor während der Ferien gejobbt hat. Sie wird Gesellin, holt das Abitur nach und studiert Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt auf Verwaltungsrecht. „Mich hat vor allem der generalistische Ansatz interessiert“, erläutert sie.
Damals habe sie gelernt, Dinge und Zusammenhänge schnell zu erkennen und einzuordnen. „Das war und ist für meine berufliche Laufbahn ausgesprochen hilfreich.“
Ihr Praktikum absolviert sie im Bundeslandwirtschaftsministerium in Bonn. Kurz vor Abschluss ihres Studiums – man ist offenbar schon auf die aufstrebende junge Frau aus dem hohen Norden aufmerksam geworden – wird sie gefragt, ob sie sich vorstellen könne, Generalsekretärin der MIJARC zu werden. Das ist der internationale Dachverband der Landjugend.
Gegen die Landflucht
Sie kann es sich vorstellen und arbeitet drei Jahre lang in Brüssel. Ihre Aufgabe ist es vor allem, der weltweit um sich greifenden Landflucht entgegenzuwirken.
„Das funktioniert nur, wenn Sie den jungen Leuten, die irgendwo auf der Welt auf dem Land leben, eine wirtschaftliche Perspektive eröffnen“, sagt sie heute. „Das kann der Aufbau einer Plantage sein und einer dazu passenden Vermarktungsstruktur oder der Zusammenschluss kleinerer Betriebe zu Genossenschaften.“ Damals war sie ständig auf Achse, „eine Woche in Brüssel, zwei Wochen unterwegs rund um den Globus, eine Woche in Augsburg, wo ich studierte und meinen Wohnsitz hatte“.
Zum Ökolandbau in Niedersachsen
Im Jahr 2011 erhielt Carolin Grieshop die Gelegenheit, ihr Nomadentum zu beenden und eine Aufgabe in heimischen Gefilden zu übernehmen. Sie trat in die Dienste des Kompetenzzentrums Ökolandbau Niedersachsen, um Biolandwirte bei der Vermarktung ihrer Produkte zu unterstützen. „Damals galt es noch, ein Netzwerk aufzubauen, das Lieferanten und Abnehmer zusammenbringt“, erzählt sie. „Das ist heute längst etabliert.“
Als der Geschäftsführer des Zentrums erkrankte, übernahm sie 2012 seine Rolle. Sie baute die landwirtschaftliche Beratung aus und entwickelte die Organisation zum anerkannten Dienstleistungszentrum für den Ökolandbau in Niedersachsen.
In ihrem damaligen Wohnort Bakum wirkte sie aktiv mit, um erneuerbare Energien auszubauen – unter anderem als Aufsichtsratsmitglied einer Energiegenossenschaft. Heute stehen dort drei Windräder, auf den Dächern vieler kommunaler Gebäude sind Solarmodule installiert. Auch Energy-Sharing wurde während ihrer Zeit in Bakum versucht, als Pilotprojekt. „Schon 2022 lag die Eigenversorgung in Bakum bei 163 Prozent“, berichtet sie stolz. „Nach Angaben des Bürgermeisters beträgt sie inzwischen 228 Prozent.“
Mit Ehrgeiz ins Ländle
Was die Ziele des Solar Clusters Baden-Württemberg angeht, legt Carolin Grieshop eine gesunde Portion Ehrgeiz an den Tag. „Die Branche steht vor der Aufgabe, die Neuordnung des Energiesystems mitzugestalten, damit die Rahmenbedingungen der weiteren Entwicklung förderlich sind“, schätzt sie ein. „Unser Ziel als Solar Cluster BW ist, dass politisch nichts an uns vorbeigeht. Dass unsere Stimme zu einer der wichtigsten in Deutschland gehört.“
Vor allem aber wolle sie nah an der Praxis arbeiten. „Ich verstehe mich als Anwältin unserer Mitglieder. Wenn sie ein bürokratisches, politisches oder verwaltungstechnisches Problem haben, will ich mich aktiv für eine Lösung einsetzen.“
Vier Forderungen des Solar Clusters
Möglicherweise kommt ihr entgegen, dass sie den neuen Ministerpräsidenten Cem Özdemir (Bündnis 90/Grüne) aus seiner Zeit als Bundeslandwirtschaftsminister kennt. Ihre und die Erwartungen der im Solar Cluster organisierten Unternehmen jedenfalls sind öffentlich formuliert:
- Weiterentwicklung der Solarwirtschaft in Baden-Württemberg auf Basis der aktuellen industriepolitischen EU-Programme wie dem Net-Zero Industry Act und dem geplanten Industrial Accelerator Act. Beide Programme zielen darauf ab, Wertschöpfung in Europa zu halten, zu stärken und die Abhängigkeit von Importen zu reduzieren.
- Abbau bürokratischer Hürden und Beschleunigung von Genehmigungsverfahren, zum Beispiel durch definierte Fristen: Ist ein Antrag vollständig eingereicht und erfolgt innerhalb einer festgelegten Frist keine behördliche Entscheidung, gilt das Vorhaben als genehmigt.
- Vier Gigawatt zusätzlich installierte Photovoltaikleistung pro Jahr in Baden-Württemberg: Dabei plädiert der Verband für den ausgewogenen Ausbau von Dächern und Freiflächen.
- Geeignete Rahmenbedingungen und Unterstützung für Stadtwerke und Verteilnetzbetreiber, um den Netzausbau und den Smart-Meter-Rollout zügig voranzubringen.
Mehr Dynamik statt Bürokratie
Mit den aktuellen politischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen könne die Solarbranche im Grundsatz arbeiten. „Entscheidend ist jedoch, dass die weitere Ausgestaltung praktikabel bleibt und Investitionen nicht durch unnötige Komplexität oder zusätzliche Hürden gebremst werden“, moniert sie. „Wenn wir den Ausbau und die Systemintegration beschleunigen wollen, braucht es vor allem schnellere Verfahren, weniger Bürokratie und einen stärkeren Fokus auf intelligente Netze, Speicher und flexible Verbrauchsstrukturen.“
Das Solar Cluster Baden-Württemberg bringt sich aktiv in die laufenden Prozesse ein – unter anderem durch Stellungnahmen zur geplanten EEG-Reform, zum Industrial Accelerator Act der EU und zum Netzpaket. „Erste Rückmeldungen zeigen, dass diese Beiträge wahrgenommen werden“, urteilt sie. „So wurde unsere Organisation beispielsweise vom Bundeswirtschaftsministerium zur Anhörung Ende April für das Stromverbrauchskennzeichnungsgesetz eingeladen.“
Bei alledem sei es wichtig, „immer gute Laune zu behalten. Denn mit sonnigem Gemüt und Gestaltungswillen kommt man weiter – auch in schwierigen Zeiten.“